Berlin : Alltag bis zur Abschiebung

Am Dienstag befasst sich der Petitionsausschuss erneut mit dem Fall der kurdischen Familie Aydin

Daniela Martens

Es sind keine gepackten Koffer zu sehen, ebenso wenig ausgeräumte Zimmer. Und niemand ist auf die Idee gekommen, für die Grünpflanze, die quer durchs Wohnzimmer rankt, einen neuen Besitzer zu suchen: Nichts in der Wohnung der kurdischen Familie Aydin deutet auf einen baldigen Aufbruch hin.

Sie hätten sich noch nicht auf ihre mögliche Abschiebung in die Türkei vorbereitet, weil sie nicht gehen wollten, sagt Cemile Aydin. „Ich habe hier 17 Jahre gelebt. Das ist mein Land“, fügt sie eindringlich hinzu. Schließlich habe sie in Deutschland vier ihrer elf Kinder zur Welt gebracht. Und doch läuft die Duldung des Ehepaars und vier seiner Kinder am morgigen Freitag aus. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) besteht auf einer Ausreise. Die letzte Hoffnung der Familie ist eine positive Entscheidung des Petitionsausschusses am nächsten Dienstag. Meistens wartet die Ausländerbehörde eine Entscheidung der Kommission ab.

In ihrem leuchtend blauen Kleid thront Cemile Aydin mitten auf dem großen grauen Ecksofa in der dunklen Wohnung der Familie in Friedrichshain. Um sie herum sitzen sechs ihrer Kinder und ihr Mann. Die kleine Gülbahar, mit sieben die jüngste, versteckt ihren Kopf im Schoß der Mutter und mag nichts sagen. Die 13-jährige Ayse und der 14-jährige Ahmed balancieren auf den Armlehnen. Wenn man sie etwas fragt, antworten sie sehr höflich, sonst hören sie lieber zu. Er träume immer auf Deutsch, erzählt Ahmed nach kurzem Überlegen.

Ahmed und Ayse sollen wie Gülbahar und der 21-jährige Mehmed mit den Eltern in die Türkei abgeschoben werden. „Da würden sie doch in der Schule überhaupt nicht mitkommen“, sagt die 17-jährige Hayriye. Sie darf mit zwei Schwestern, der 19-jährigen Meryem und der 15-jährigen Nazliye bei Gasteltern in Berlin bleiben, zumindest bis zu ihrem Schulabschluss und vielleicht auch noch für eine Berufsausbildung. Vier andere Geschwister haben eigene Aufenthaltsgenehmigungen.

Hayriye war bei der Diskussion, ob die ganze Familie bleiben darf, zeitweise die Hauptperson: Bei einem Konzert im Schloss Bellevue sprach sie mit dem Bundespräsidenten über die Abschiebung. Dorthin war sie als Anerkennung für ihr schulisches Engagement gegen Antisemitismus eingeladen worden. Wie ihre Schwester Meryem sitzt Hayriye sehr aufrecht da. Die beiden Mädchen, die kurz vor dem Realschulabschluss stehen, sind die Wortführerinnen in der Familie – immer bereit in akzentfreiem Deutsch einzuspringen, wenn ihre Eltern etwas nicht so gut erklären können. Es wirkt, als wollten die Mädchen die Familie beschützen: etwa vor dem Vorwurf des Sozialbetrugs, der in der Berichterstattung gegen die Aydins erhoben wurde.

„Bitte schreiben sie nichts Schlechtes über uns“, sagt Vater Feyaz Aydin immer wieder. In diesen Momenten sieht er traurig aus, obwohl er sonst fast immer verschmitzt und jungenhaft unter seinem Schnurrbart hervorlächelt. Traurig wird der Vater auch, wenn man nach den Jugendsünden des heute 21-jährigen Mehmed fragt. Mit 14 war er zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden: Gemeinsam mit Freunden hatte er einem Gleichaltrigen Geld und Zigaretten geraubt. „Er war doch damals noch so jung“, wirft Meryem ein. Mehmed sagt Ähnliches: Er habe sich mitreißen lassen. Erst später sei ihm klar geworden, wie schlimm das eigentlich gewesen sei. Seitdem ist er nicht mehr straffällig geworden und hat seinen Realschulabschluss gemacht.

Bei ihrem jüngsten Sohn Ahmed hätten sie sehr darauf geachtet, dass er nicht an falsche Freunde gerate, sagt Feyaz Aydin. „Bitte macht keine Probleme in der Schule“, sage er jeden Morgen zu seinen Kindern, wenn sie aus dem Haus gehen. Denn vieles läuft bei der Familie so weiter wie zuvor. „Man muss eben abwarten“, sagt Feyaz Aydin und zuckt mit den Achseln. Seine Frau sieht das weniger gelassen: Sie könne schon seit langem nicht mehr richtig schlafen. Immer wenn es klingele, denke sie, es sei die Polizei, die sie in Abschiebehaft nehmen wolle. Außerdem könne sie die Vorstellung von sieben ihrer Kinder getrennt zu werden, kaum ertragen.

Unterstützer der Aydins sammeln Unterschriften. Informationen dazu im Internet: www.fluechtlingsrat-berlin.de

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