Berlin : Alma Mater im Ausstand

Die Studenten aller drei Universitäten streiken – unterstützt von Präsidenten und Professoren. Heute Demonstration zum Roten Rathaus

Amory Burchard,Ulrich Zawatka-Gerlach

Von Amory Burchard

und Ulrich Zawatka-Gerlach

Berlins Studenten streiken: Am Alexanderplatz wurde am Freitag eine Kreuzung blockiert, Studenten der Sonderpädagogik demonstrierten mit Blindenstöcken in der S-Bahn: „Wozu brauchen Blinde Bildung?“ In allen Universitäten werden Transparente gemalt für die Demonstration am heutigen Sonnabend ab 13 Uhr vom Pariser Platz zum Roten Rathaus. Am Abend wurde Unter den Linden das Anschalten des Weihnachtsbeleuchtung durch Wowereit gestört: „Beleuchtet, aber unterbelichtet“, riefen die rund 200 Demonstranten.

Die Präsidenten der drei großen Berliner Universitäten stellten sich am Freitagabend hinter die Studenten. „Wir erwarten vom Berliner Senat, dass er die Proteste der Studierenden gegen seine Entscheidungen Ernst nimmt und Hochschulpolitik endlich als Teil der Zukunftsfürsorge für die Gesellschaft und die Bundeshauptstadt begreift“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Uni-Chefs.

Die aktuellen Proteste wurden durch drohende Sparmaßnahmen ausgelöst: Der Senat will den Zuschuss für die drei großen Universitäten um 75 Millionen Euro kürzen. Daraufhin haben die Präsidenten im Frühsommer Immatrikulationsstopps und einen fast flächendeckenden Numerus clausus verhängt. Seit Oktober veröffentlichen sie Sparpläne, nach denen hunderte Professorenstellen und ganze Institute gestrichen werden sollen: An der HU könnten unter anderem in der Theologie fünf von 15 Stellen wegfallen und die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät geschlossen werden. Dort stellte sich gestern der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit den protestierenden Studenten und signalisierte Diskussionsbereitschaft. Von seinen Sparbeschlüssen werde der Senat aber nicht abrücken. An der FU soll das Otto-Suhr-Institut sieben von 21 Professuren und die Soziologie die Hälfte ihrer Hochschullehrer verlieren. Zuletzt präsentierte die TU einen Streichplan: Sollte sie wirklich 32,8 Millionen Euro verlieren, müssten etliche Studiengänge abgewickelt werden, darunter Physik und Geschichte.

„Ausfinanzierung von 135 000 Studienplätzen“, fordern jetzt die Studenten aller Universitäten – und zwar mit allen bestehenden Instituten und wissenschaftlichem Personal. Es gibt zwar 135 000 Studenten in Berlin, die Zahl der Professuren ist aber nur auf 85 000 Studenten ausgelegt. Die Folge: 60 statt früher 20 Seminarteilnehmer, in den Vorlesungen sitzen 700 Hörer auf 500 Plätzen.

Alle Unipräsidenten und die meisten Lehrenden erklären sich mit dem Streik solidarisch. Nicht einig ist man sich über eine weitere Streikforderung: Die Studenten wollen die Einführung von Studiengebühren verhindern – die Präsidenten aber sind dafür. Gestern einigten sich Gewerkschaften und Hochschulen immerhin auf einen neuen Tarifvertrag für 20 000 Universitäts-Angestellte. Die bundesweiten Tarifabschlüsse werden übernommen, aber gleichzeitig – wie im öffentlichen Dienst – die Arbeitszeit und die Gehälter um 8 bis 12 Prozent gekürzt.

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