Berlin : Als der Notruf einging, war kein Mensch auf der Wache

Christoph Stollowsky

Eine verhängnisvolle Panne bei der Feuerwehr hat eine 79-jährige Rentnerin vermutlich das Leben gekostet. Wie erst jetzt bekannt wurde, hatte sie am Dienstag, 13. November, auf der Essener Straße in Tiergarten plötzlich Atembeschwerden. Eine zufällig vorbeigekommene Ärztin betreute sie und alarmierte die Leitstelle der Feuerwehr. Doch es dauerte 45 Minuten, bis ein Rettungswagen eintraf. Dessen Besatzung versuchte vergeblich, die Frau zu reanimieren. Nach ersten Recherchen der Feuerwehr verursachte offenbar "eine Verkettung unglücklicher Umstände" die Verspätung. Landesbranddirektor Albrecht Broemme und sein für die Notfallrettung zuständiger Stellvertreter Wilfried Gräfling bedauerten den Vorfall und kündigten eine umfangreiche Untersuchungen an.

Nach einer ersten Rekonstruktion ging der Notruf der Ärztin um 12.23 Uhr in der Leitstelle ein. Kurz zuvor war dort das Computersystem wieder hochgefahren worden, nachdem man den Alarmierungsbetrieb per Hand trainiert hatte. Dies wird dreimal im Monat geübt, um auch bei einer EDV-Panne reibungslos weiterarbeiten zu können. Mit dem Training habe der Vorfall aber nichts zu tun, widersprach der Feuerwehr-Vize gestern anderslautenden Darstellungen.

Die Leitstelle alarmierte nach seinen Angaben umgehend einen Rettungswagen der Feuerwache Wedding, was dort zur Folge hatte, dass in allen Räumen das Licht anging und ein Einsatzauftrag aus dem Drucker kam. Beides gehört zu den "üblichen Alarmierungsmaßnahmen" und soll die Aufmerksamkeit der Wachleute erregen. Zusätzlich löst jeder Alarm auch noch einen Piepser in deren Taschen aus - doch am 13. November hielt sich zum Zeitpunkt des Einsatzes kein Mensch im Wachgebäude auf. Die Mannschaft war zu einem Brand ausgerückt.

Dass Berlins Feuerwachen während größerer Einsätze zeitweise verwaist sind, ist laut Gräfling üblich. Dies sei eine Folge der Sparauflagen. "Wir mussten unser Personal um 500 Mann verringern." Doch solchen Situationen habe man vorgebeugt. Spätestens nach zweieinhalb Minuten registriere die EDV der Leitstelle, "dass sich in der Wache keine Retter zum Einsatz abgemeldet haben." So war es auch am 13. November.

Daraufhin habe sich die Leitstelle sofort mit einem Rettungswagen der Wache per Funk in Verbindung gesetzt - und dabei gab es nun das folgenschwere Missverständnis. Nach ersten Ermittlungen ging die Besatzung des angerufenen Wagens davon aus, dass der Alarm unterdessen von zurückgekehrten Kollegen in der Wache bemerkt worden war und diese schon einen anderer Wagen losgeschickt hatten. Dies teilten sie der Zentrale offenbar mit, und die gab sich damit zufrieden. Sie wurde aber erneut skeptisch, als sich nach weiteren wertvollen Minuten keine Retter von der Einsatzstelle meldeten. Denn jedes Team muss seine Ankunftszeit sofort durchgeben.

Deshalb alarmierte man nun zugleich einen Notarzt- und Rettungswagen. Sie kamen gegen 13.06 Uhr bei der Frau an.

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