Berlin : Als die Kraft schwand, kamen die Schmerzen

Immer mehr Pädagogen quittieren ausgebrannt den Dienst. Eine betroffene Sonderschullehrerin schildert ihren Weg in die Krankheit

Susanne Vieth-Entus

Er ist noch immer da, dieser Rechtfertigungsdruck. Cordula G.* hat ihn immer gespürt und ist ihn noch nicht ganz los: Rechtfertigen, dass man Lehrerin ist „mit der vielen Freizeit und den vielen Ferien“. Rechtfertigen, dass man gut verdient, dass man keine Angst vor Arbeitslosigkeit haben muss. Dass man gut aussieht, obwohl man doch angeblich krank ist und schließlich dienstunfähig. Aber Cordula G. will sich nicht mehr rechtfertigen und beginnt das Gespräch mit der Vorwärtsverteidigung: „Ich bin gern zur Schule gegangen.“ Soll heißen: Ich bin keine Simulantin, die keinen Bock mehr auf Schule hatte. „Ich wäre gern Lehrerin geblieben.“

Aber es ging nicht mehr. Cordula G. hat lange gebraucht, um das zu begreifen und dieser lange Weg war eine Tortur. Mit höllischen Schmerzen und heißen Bädern morgens um 6 Uhr, um doch noch irgendwie den Weg in die Schule zu schaffen. Mit misstrauischen Ärzten, die Schmerzen nur dann „glauben“, wenn sie die physische Ursache erkennen. Mit schlaflosen Nächten und der wachsenden Unsicherheit vor der Klasse, wenn die Kraft nicht mehr ausreichte für eine geregelte Unterrichtsstunde. Bis dann Klarheit herrscht: Das Berufsleben musste ein Ende haben, weil man die psychische Krankheit mit ihren physischen Schmerzen sonst nicht in den Griff bekommen hätte.

Cordula G. hat lange ausgehalten. Über 30 Jahre lang war sie als Sonderschullehrerin tätig – als Vollzeitkraft. Sie dachte, dass alles in bester Ordnung sei und merkte nicht, dass ihr die Arbeit längst an die Substanz gegangen war. Und dann kamen die Krankheiten: Magen-Darm-Beschwerden, Bandscheibe. Die Schmerzen blieben – trotz Behandlung. Deshalb gab ihr jemand den Rat, sich an die Psychiatrische Klinik der Freien Universität zu wenden. Klinikleiterin Isabella Heuser stellte die Diagnose: Depressionen, begleitet von einem chronischen Schmerzsyndrom.

Die 55-Jährige ist schon froh, endlich den Namen ihrer Krankheit zu kennen. Was aber genau hat an der Substanz genagt und schließlich die Krankheit verursacht, die viele auch einfach „Burnout“ nennen? Die Antwort ist schwer, denn sie setzt sich aus einer Summe von Faktoren zusammen, die zu gewichten der Pädagogin schwer fällt. Noch ist alles zu nah. Noch sitzen die Tränen locker und verhindern eine nüchterne Analyse. Soviel aber steht fest: Die Anspannung während der langen Schulvormittage spielt eine große Rolle. Dieses pausenlose Agieren und Reagieren von 7 Uhr 50 (Frühaufsicht) bis 14 Uhr (Telefonate im Schulsekretariat). Dieses ständige „Sich-Zerteilen“ zwischen -zig Schülern und Kollegen, die gerade irgendetwas klären wollen. Der immense Verwaltungsaufwand. Die endlosen Elterngespräche, die sich um schwierige Schüler drehen. Dieses ständige Gefühl, nicht fertig geworden zu sein, nicht genug getan zu haben für die Unterrichtsvorbereitung. Die schlaflosen Nächte, wenn sie gutachterlich festlegen muss, ob ein Kind an die Sonderschule gehört oder an eine Regelschule, wenn keine Schule mit Behindertenintegration freie Plätze hat.

Manchmal haben sich Cordula G. und ihre Kollegen gefragt, ob auch die Schüler mehr Probleme bereiten als früher. Dann haben sie sich an die „schwierigen Fälle“ von früher erinnert. Natürlich gab es die auch schon vor 20 Jahren – zumal in den Sonderschulen. Aber es sind mehr geworden, glaubt sie: „Bei den Grundschülern merkt man, dass kaum noch eine Familie in Ordnung ist.“ Viele Kinder sind verstört. „Scheidungskinder brauchen so viel Zuwendung, haben solche Verlustängste, aber darauf sind wir nicht vorbereitet.“ Weil die Ausbildung nicht stimmt. Bei der Lehrer-Ausbildung sieht Cordula G. Handlungsbedarf. Selten werde im Studium auf die Vermittlung pädagogischer Methoden Wert gelegt. Stattdessen werde Fachwissen gepaukt. Dass ab 2003 eine Reform der Lehrerbildung mit der Fokussierung auf Methodik/Didaktik geplant ist, hilft der Generation von Cordula G. nicht mehr. Aber immerhin erlebt sie noch, dass sich langsam die Abkehr vom Frontalunterricht und die Hinwendung zum schülerzentrierten Lernen durchsetzt. Dies entlastet letztlich den Lehrer bei seiner One-Man-Show.

Cordula G. fallen aber noch mehr Gründe ein, warum so viele Lehrer und auch sie nicht in der Lage sind, aus ihrer Berufstätigkeit das Beste zu machen. Sie nennt das Beamtentum eine „Sklaverei“: Vor lauter Angst, die Pension und die Unkündbarkeit zu verlieren, fühlten sich die Lehrer an ihren Beruf gefesselt und blieben selbst dann dabei, wenn es offensichtlich falsch sei. Cordula G. beneidet Lehrer aus anderen Ländern, wo sich die Pädagogen je nach Qualifikation eine passende Schule selbst aussuchen können. Sie finden eine Stelle, ohne dass eine Behörde wie das Landesschulamt von heute auf morgen bestimmen kann, dass man „seine“ Schule zu verlassen hat, weil irgendwo in der Stadt eine Lehrkraft fehlt. Und noch Ein weiterer Gesichtspunkt spricht gegen den Beamtenstatus, findet Cordula G.: dass „schlechte“ Lehrer jahrelang vom Kollegium mitgetragen werden müssen. Mit Schrecken denkt sie noch an die Zeit, in der sie zusammen mit einer Kollegin eine Klasse führen und dabei täglich ertragen musste, wie die andere Lehrerin Fehler auf Fehler im Umgang mit den Kleinen häufte. Das hat sie nur schwer verkraftet. Denn sie hängt an den Kindern. Es hat ihr furchtbar weh getan, sie im Stich lassen zu müssen, als sie jetzt dienstunfähig wurde.

Nach Überwindung der Krankheit möchte Cordula G. nicht wieder an der Schule anfangen. Sie erinnert sich noch zu genau, „an das Gefühl, acht Stunden im Bergwerk gearbeitet zu haben“. Deshalb wird sie irgendwann in den nächsten Wochen in ihre alte Schule fahren, ihren Schlüssel abgeben und mit dem Kapitel abschließen.

*Name von der Redaktion geändert

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