Berlin : Als Frauenkram noch Männersache war

Der Lette-Verein hat viel zur Emanzipation der Berlinerinnen beigetragen. Seit 100 Jahren residiert er am Schöneberger Viktoria-Luise-Platz

Christine-Felice Röhrs

Es war eine Versammlung von 300 Männern, die 1866 beschloss, einen Frauenverein zu gründen. „Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“ sollte er heißen, später Lette-Verein, nach seinem ersten Vorsitzenden, dem Abgeordneten des Preußischen Landtags Wilhelm Adolf Lette. Dass die honorigen Herren der Emanzipation einen großen Dienst erweisen würden, das konnten sie nicht ahnen. Und das hatten sie auch nicht im Sinn, bewahre, denn an der Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau zweifelten sie nicht. Nur solchen Frauen, die unglücklicherweise ihrer „Bestimmung“ entsagen mussten, sollte geholfen werden, sich selbst über die Runden zu bringen. „Was wir nicht wollen und niemals, auch nicht in noch so fernen Jahrhunderten wünschen und bezwecken, ist die politische Emancipation und Gleichberechtigung der Frauen“, sagte einer.

Jahrzehnte später war der Verein zu einer Institution geworden, die in Deutschland Pionierarbeit leistete, die nicht nur Berlinerinnen, sondern auch Mädchen aus anderen europäischen Ländern und sogar aus Übersee erstmals eine Berufsausbildung anbot. Er wuchs, und deshalb musste bald ein neues Schulhaus her: Vor 100 Jahren, im Oktober 1902, zog der Lette-Verein dann in das Palais am Viktoria-Luise-Platz 6, wo er heute noch residiert. Hundert Jahre am selben Ort, viele Kämpfe, viele Erfolge – das wird jetzt gefeiert. Am Mittwoch gibt es einen Festakt im Rathaus Schöneberg.

Viel ist in einem Jahrhundert passiert. Anfangs hatte sich der Verein noch darauf beschränkt, mögliche Arbeitsplätze für Frauen zentral zu erfassen und die in Heimarbeit gefertigten Produkte zu verkaufen. Der Viktoria-Bazar wurde gegründet, benannt nach der Kaiserin, die die Schirmherrschaft übernommen hatte. Auf Dauer konnte es jedoch nicht genügen, den Mädchen nur kurzfristig ein Einkommen zu verschaffen, das war den Frauen, die die Leitung übernommen hatten, schnell klar. „Ausbildung“ hieß der langfristige Ansatz. Es war eine Revolution, die sie dann einleiteten: die Frauen-Lehre. Es gibt drei schulische Ausbildungen, die im Lette-Verein sogar „erfunden“ worden sind – die zur Röntgenschwester, die zur Metallographin und die zur Fotografin. Viele Absolventinnen wurden berühmt. Iva zum Beispiel, die Fotografin, die später Lehrerin von Helmut Newton wurde. 1890 betrieb der Verein schon sieben Schulen.

Der Lette-Verein ist nicht unmodern geworden über das Jahrhundert. Heute werden auch Männer zur Ausbildung zugelassen, sie machen etwa ein Drittel aus. Insgesamt gibt es zurzeit rund 1200 Schüler. Sie können Fotografen werden, Mode- oder Grafikdesigner, Technische Assistenten in der Medizin, Biologie oder Pharmazie oder hauswirtschaftliche Betriebsleiter. Fünf einzelne Schulen gibt es auf dem Campus am Viktoria-Luise-Platz. Viele der rund 200 Lehrer kommen als freie Mitarbeiter direkt aus den Labors oder Ateliers und bringen die Praxis mit. Auch Schulsenator Böger war früher mal Dozent. Es habe ihm gefallen, sagt er.

Heute muss Böger strenger sein mit dem Lette-Verein. Denn der bezieht – wegen des außergewöhnlichen Mischstatus als Privatschule und Stiftung öffentlichen Rechts zugleich – mittlerweile 90 Prozent der Gelder vom Land. In vier Jahren sei der Etat um acht Prozent gekürzt worden, jetzt sollen nochmal drei Prozent weg, sagt Schulleiterin Gabriele Post – macht zwei Millionen Euro. Schon länger kann pro Ausbildungsgang nur noch eine Klasse eingerichtet werden: je 28 Plätze, wobei sich allein bei den Fotografen jedes Jahr rund 1000 Bewerber melden.

Viele fragen Gabriele Post, warum sie in diesen knappen Zeiten nicht das Schulgeld erhöht, das sich auf 660 Euro im Jahr beläuft. Aber das will sie nicht. Der Lette-Verein war nie elitär, sagt sie. Schon seit der Gründung als Frauen-Akademie sei der Anspruch: Chancen für alle. Auch dafür wird er am Mittwoch geehrt.

Veranstaltungen zum Jubiläum: Freitag Tag der offenen Tür von 9 bis 18 Uhr, Sonnabend Vorträge zur Ausbildung von 9 bis 13 Uhr.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben