Berlin : Als hätte es das Kind nie gegeben

Säuglingsmord: Manche Frauen sehen in ihrer Verzweiflung den Tod des Babys als einzigen Ausweg

Tanja Buntrock

Aus „Überforderung“ habe sie ihr Baby nach der Entbindung getötet – sagt die 26-jährige Mutter. Es ist immer dieselbe Antwort, bei fast allen Frauen, die ihr Neugeborenes umgebracht haben (siehe Kasten). Das Baby der 26-Jährigen war, wie berichtet, fast skelettiert und eingewickelt in Handtüchern von zwei Installateuren in einer Lichtenrader Wohnung gefunden worden: Zwei Jahre hatte die Kinderleiche dort unbemerkt gelegen. Gestern wurde gegen die junge Frau Haftbefehl erlassen.

„Viele der Frauen, die ihr Kind nach der Geburt umbringen, haben zuvor ihre Schwangerschaft verdrängt“, sagt der Gynäkologe und Psychotherapeut Peter Rott. Er befasst sich mit Forschungen zum Thema „verdrängte Schwangerschaft“. Rott sagt, dass in Berlin auf 568 Schwangerschaften eine „verdrängte Schwangerschaft“ kommt. Diese Frauen bemerkten erst sehr spät, dass sie ein Kind erwarten, „oder häufig auch erst dann, wenn das Kind kommt“, sagt Rott. Dass auch das Umfeld, die Familie, Freunde oder Kollegen – wie auch im aktuellen Fall – oftmals nichts mitbekommen, hält der Gynäkologe für „durchaus glaubwürdig“. Er erinnert sich an den Fall einer 18-jährigen Hamburgerin, der 1988 Aufsehen erregte: „Die Schülerin ist sogar noch wenige Wochen vor der Geburt auf Klassenfahrt gewesen und hat nackt gebadet“, sagt Rott. Wenige Wochen später habe sie dann nachts, ganz allein, das Kind entbunden.

Die Frauen, die ihre Schwangerschaft negieren, seien meist sehr jung und kommen häufig aus schwierigen sozialen Verhältnissen. „Die meisten haben eine frühkindliche Störung erfahren. Sie streichen die Schwangerschaft aus ihrem Gedächtnis: Dies ist ein psychologischer Abwehrmechanismus“, sagt Rott. Hinzu käme auch das Schamgefühl, vor allem, wenn die Frauen in einer Familie leben, in der Gewalt eine Rolle spielt. „Aus Angst, bestraft zu werden, wenn herauskommt, dass sie ein Kind erwarten, streichen sie die Schwangerschaft aus ihrem Kopf.“ Die biologischen Veränderungen, die eine Schwangerschaft mit sich bringt, „deuten die Frauen um“: Wird der Bauch oder der Busen dicker, führen sie es darauf zurück, dass sie mehr essen. Einige tragen weite Kleidung, wo der dickere Bauch kaum auffällt. „Oder die Frauen sind sowieso dick. Es fällt dann nicht auf, dass sie schwanger sind.“ Auch das Ausbleiben der Regelblutung nehmen diese Frauen nicht wahr. „Sie geben später meistens an, dass sie einen unregelmäßigen Zyklus hatten“, sagt Rott. Die Frauen, die nach der Entbindung ihr Kind umbringen, seien bei der Geburt in einer „dermaßen großen Ausnahmesituation“, dass sie tatsächlich überfordert seien und „einfach nicht rational überlegen können, wie es jetzt weitergeht mit ihnen und dem Kind“. Weil das Baby jetzt aber schreit, können sie nicht mehr verdrängen. Um das Ganze weiter zu verheimlichen, gibt es für viele Frauen nur einen Ausweg: Das Kind umzubringen. Dass der Leichnam noch in der Wohnung aufbewahrt wird, zeigt, dass die Frauen nicht rational mit der Tat umgehen und beispielsweise überlegen, wie sie die Spuren beseitigen. „Sie tun einfach weiter so, als hätte es dieses Kind nie gegeben.“

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