Berlin : „Als nächstes sehen, nein, fühlen wir…“

Am letzten Tag der Sandskulpturenschau „Sandsations“ durften Blinde die Kunstwerke ertasten. Den Teufel konnte man spüren, an Gott kam man nicht heran

David Ensikat

Ganz vorn der Fotoapparat aus Sand. Sieht zwar irre echt aus, das Riesending, ist aber eher uninteressant für die Blinden. Welcher Blinde interessiert sich schon für Fotoapparate? Die Sandhand, die ihn hält, die ist schon eher was. Wenn man sie betastet und kombiniert, welches der Daumen und welches der kleine Finger sein mag, dann ist das ein großes Rätsel. Allein die Fingernägel sind länger als sie Hände, die sie befühlen.

Es ist Sonntag, der letzte Tag der Sandfigurenausstellung „Sandsations“ an der East- Side-Gallery, und jetzt ist sowieso schon alles egal. Am Abend werden die vier Meter hohen Plastiken kaputtgemacht (damit sie nicht irgendwann von selbst umkippen und jemanden, der nur mal fühlen wollte, unter sich begraben). An diesem letzten Tag werden hier Blinde und Fast-Blinde durchgeführt, und die dürfen tun, was den Sehenden verboten ist: anfassen, tasten, fühlen, sich mit der Hand ein Bild machen. Wenn dabei eine Nase abbröckeln sollte oder vom Fotoapparat der Auslöser, dann macht das überhaupt nichts.

Es bröckelt aber nichts. Die Tastenden sind so behutsam und der gepresste Sand so hart, dass man solch einen Service schon längst hätte bieten können.

Und der Service ist ja nicht nur der: Fühlt mal her, Blinde, was man aus Sand alles bauen kann, die Kunst, das Ziselierte.

Nicht Sehende vervollständigen nicht selten ihr Bild der Welt, indem sie kleine Details ertasten, deren Aussehen allen anderen nur allzu geläufig ist. Ein Engelsflügel beispielsweise, an einer liegenden Putte, auch wenn er aus rauem Sand sein mag – hier kann man so was kennen lernen. Wann haben Menschen schon die Chance, Engel zu berühren?

Oder die Freiheitsstatue. Roswitha Röding hat sich an der Fotoapparatehand vorbei zu den modellierten Fotos vorgetastet, hat die Reliefs von Brandenburger Tor und Eiffelturm erkannt – „Die hab’ ich als Modelle bei mir zu Hause“. Nun ist sie bei der Freiheitsstatue angekommen. „Was soll das sein? Ein Gesicht, Krone oben drauf, ein Arm in die Höhe gereckt, mit was? Einer Fackel?“ „Na Frau Röding“, sagt ihr Begleiter, „was könnte das sein?“ Frau Röding kommt nicht drauf. „Na, die Freiheitsstatue. Haben Sie die nie gesehen?“

„Mensch, die Freiheitsstatue, nee, die hab’ ich nicht gesehen. Gucken konnte ich doch nur zu Hitlers Zeiten.“ Da sah man anderes als Freiheitsstatuen. Roswitha Röding ist 1947 an Diphtherie erkrankt und daran blind geworden.

Der Ausstellungsführer gestikuliert vergebens, während er die Plastiken beschreibt, und er verspricht sich immer mal – oder er glaubt sich zu versprechen: „Und als nächstes sehen, nein, fühlen wir…“ Aber untereinander reden die Lichtlosen ja nicht anders: „Mensch, Lothar, hast du den Teufel gesehen?“ Der Teufel hatte, findet Frau Röding jedenfalls, zu kleine Hörner. Und seine dicken, behaarten Beine haben sich schon sehr komisch angefühlt, auch das dazwischen. Den lieben Gott auf der anderen Seite der Plastik „World Peace“ kann man nicht anfassen. Der hat sich so hingefläzt, dass man über seine Füße stolpern würde.

Wenn es Gesichter anzufassen gibt, dann sind die Sehenden besonders gespannt: Was sagen die Blinden jetzt? Lothar Rhedes, einer, der nie richtig sehen konnte, sagt: „Eigentlich interessiert man sich als Blinder gar nicht so speziell für Gesichter. Die sind für die Sehenden so wichtig, also denken sie, dass wir die auch immer wichtig finden. So’n Quatsch.“

Lothar Rhedes findet den „Pilger“ toll. Das ist die einzige abstrakte Sandplastik dieser Ausstellung, die, an der die meisten Leute recht schnell vorbei gehen. Vorne ist sie glatt, geschwungen, hinten zerklüftet und zerwürfelt. Das fasst sich wunderbar an. „Da hat der Künstler richtig gut das Chaos gestaltet, das ganze Durcheinander auf der Welt“, sagt Rhedes. „Aber warum heißt das dann ,der Pilger‘“, fragt ein Begleiter. „Ach, das weiß Gott allein. Ist doch auch egal.“

Johanna Burmeister, die Organisatorin der Freiluftausstellung, hat sich immer gefragt, was man zum Schluss mit den Sandskulpturen machen könnte. Vor ein paar Wochen ist sie in der Straßenbahn einer Blinden begegnet, und da ist ihr die Tastaktion eingefallen. Vor ein paar Wochen hat Roswitha Röding von der Sandschau im Radio gehört und noch gedacht: „Na ja, nichts für mich.“

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