Berlin : Als Paula ihre Schlangen küsste, kam der Prinz

Ein Zirkus ist immer in Berlin – eine Rückschau des Stadtmuseums im Ephraim-Palais

Lothar Heinke

Die spannendste Begegnung haben wir am Ende des Rundgangs durch die Ausstellung „Zirkus in Berlin“: Da thront in Wüstenkönigspose der Star aus der Löwengruppe des Dompteurs Hanno Coldam, Pascha heißt er, und so sieht er auch aus. Ein braves Tier zum Knuddeln, das weltentrückt über den Dingen sitzt und eines Tages das Parieren und Hanno Coldams Kopf im weit aufgerissenen Maul satt hatte. Pascha starb 1989 als alter Herr, aber als Dermoplastik lebt er fort und darf sich nun im Ephraim-Palais (Poststraße 16) im Interesse der Zirkusfreunde sonnen wie Leo in der Wüste.

Die Stiftung Stadtmuseum Berlin hat in ihren Beständen gestöbert und uns die Illusion einer heilen Berliner Zirkuswelt präsentiert – lang, lang ist’s her. 1821 wurde am Brandenburger Tor der erste Zirkusbau aus Holz errichtet, zwei Architekturmodelle erinnern an die berühmten Zirkusfamilien Renz, Schumann und Busch. „Am Zirkus 1“ (neben dem Berliner Ensemble) eröffnete 1879 der Circus Renz, 20 Jahre später Schumann; da stand in der Kleinen Präsidentenstraße schon der Circus Busch. Und was in den festen Häusern inmitten einer vergnügungssüchtigen Stadt alles geboten wurde! Paula Busch schreibt über ihre „indische Witwenverbrennung“: „Unsere fünf motorbetriebenen Opferbecken lodern, unsere Elefanten stehen dazwischen und schreien erregt, als die Zirkus-Pyrotechniker unter dem Holzstoß die Pfannen mit Rotfeuer in Brand setzen. Ich, die Amara, küsse noch einmal meine Schlangen, dann steige ich aufs prasselnde Schafott. Mein göttlicher Prinz stürmt auf edlem Araber in die Manege… prescht im Carracho an meiner Folterstätte vorbei und reißt dabei Feinsliebchen zu sich auf den Sattel.“ Mehr davon gibt es im interessanten Katalog zu dieser Schau, die sich der klassischen Zirkusgenres Clownerie, Dressur und Artistik annimmt und dabei unter anderem von Beständen lebt, die der Berliner Zirkusfreund Julius Markschiess-van Trix 1979 als „documenta artistica“ dem Märkischen Museum vermacht hatte. Da hängen nun die XXXL-Schuhe berühmter Clowns ebenso im Museum wie Fotos, Plakate, Kostüme und Requisiten bekannter Artisten wie das 30 Zentimeter niedrige Fahrrad, mit dem Bruno Grosse noch mit 75 Jahren durch die Manegen fuhr.

Der letzte feste Zirkusbau in Berlin war der des Circus Barlay, Anfang 1967 wurde er an der Stelle des heutigen Friedrichstadtpalasts abgerissen. Der Staatszirkus der DDR hielt die Fahne hoch, bis auch sie 1999 eingeholt wurde. Heute findet das Circensische offensichtlich jeden Abend nach der Tagesschau in unseren Stuben statt – Berlin hat den Zirkus aus der Mitte an einen Ort verbannt, den sie zum Hohn „zentralen“ Festplatz nennt. Ausstellungskurator Lothar Schirmer plädiert für das Tempodrom als feste Spielstätte und als neue Heimstatt für alte, unsterbliche Zirkuskunst.

Die Ausstellung ist bis 24. April tägl. von 10 bis 18 Uhr (außer Mo.) geöffnet. Eintritt: 3 Euro. An diesem Donnerstag gibt es ab 21 Uhr einen Chanson-Abend mit Jeannette Urzendowsky und Liedern der Artisten. Besucher können vorher die Schau besuchen, Eintritt 10 Euro, Tel. 35305942.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar