Berlin : Als Pizza-Bäcker nach Italien

ANNETTE KÖGEL

Jedes Jahr wandern 4000 Berliner aus / Chancen in Gastronomie und FinanzbrancheVON ANNETTE KÖGEL BERLIN.Immer mehr Berliner suchen ihr Glück in der Ferne.Verließen 1991 noch 2696 Berliner mit deutschem Paß die Stadt in Richtung Ausland, so waren es allein in den ersten drei Quartalen 1997 bereits 3425 Menschen.Sie zog es vor allem nach Amerika und Europa, aber auch nach Australien, Südafrika und Lateinamerika.Während man sich früher vom Aufenthalt im europäischen Ausland oder in Übersee einen Karrieresprung erhoffte, sprechen heute vor allem gesellschaftliche Gründe für den Umzug: Auswanderer fliehen vor Arbeitslosigkeit ebenso wie vor sozialer Kälte. "Von diesem Schritt habe ich mein ganzes Leben geträumt", sagt Astrid, 27jährige Diplomingenieurin für Landespflege.Sie war seit ihrer Kindheit regelmäßig in Australien - nun will sie für immer dorthin."Die Lebensweise gefällt mir viel besser: Die Leute sehen nicht alles so verbissen." Vor zwei Jahren absolvierte die Charlottenburgerin ein achtmonatiges Praktikum in Australien.Jetzt hat sie einen Antrag auf Arbeitserlaubnis und Einbürgerung gestellt.Zuvor muß sie aber noch Berufserfahrung in Berlin sammeln. Die wenigsten Berlin-Müden sind so gut vorbereitet wie die 27jährige Akademikerin, deren Verwandte in Australien leben und die dort bereits einen eigenen Haushalt führte."Viele Ratsuchende überschätzen ihre Sprachkenntnisse und haben falsche Vorstellungen von Kultur und Arbeitsbedingungen", sagt Georg Mehnert von der Auswanderer-Beratungsstelle vom Raphaels Werk.Bei ihm informierten sich 1993 rund 350 Berliner und Brandenburger, heute bekunden jedes Jahr 1500 bis 2000 Menschen aus allen Berufsgruppen und Einkommensschichten Interesse am Fortzug.Jedes Jahr werden es bis zu einem Drittel mehr.Der aktuellste Jahresvergleich des Statistischen Landesamtes: 1996 verließen 300 deutsche Auswanderer mehr Berlin als 1995.Nicht immer erfüllt sich ihr Lebenstraum. Viele Interessenten erfahren erst in der Beratung davon, daß man in den meisten Branchen mit rund 30 Prozent Gehaltseinbußen rechnen muß - oft jedoch bei geringeren Lebenshaltungskosten.Auch die Arbeitszeiten behagen nicht jedem: "Wer in Spanien einen Job sucht, muß bereit sein, wegen der Mittags-Siesta bis in den späten Abend zu arbeiten", sagt Josef Hafner, einer der "Eures"-Berater für den europäischen Arbeitsmarkt beim Landesarbeitsamt.An Norwegen, einem Land mit guten Aussichten für Bewerber, störe einige Berliner, daß es "dort so früh dunkel wird". Ob Auto-Verkäufer in Paris, Hütten-Wirt in Oslo oder Pizza-Bäcker in Pisa: Generelle Aussagen zu Bewerbungs-Chancen von Berufsgruppen lassen sich kaum treffen.Relativ gute Aussichten bescheinigen Experten derzeit Mitarbeitern der Hotellerie und Gastronomie.International gesucht werden zudem Finanzdienstleister, Anlagen- und Vermögensberater sowie Investmentbanker.Da Arbeitgeber zunächst versuchen, ihre Mitarbeiter auf dem nationalen Markt zu finden, werden nur wenige Stellen international ausgeschrieben."Wer ernsthaft einen Job sucht, sollte sich am besten vor Ort umgucken und bewerben", empfiehlt Arbeitsamt-Europaberaterin Ina Rosenow.Bewährt hat sich die Arbeitsplatzsuche per Internet."Junge, engagierte Bewerber" fassen Frau Rosenow zufolge eher Mut zum neuen Lebensabschnitt als "ältere, mitunter träge Langzeitarbeitslose". Manch einer informiert sich zugleich über Rückkehrmöglichkeiten.Wer auswandere, verliere nicht automatisch seine Staatsbürgerschaft, beruhigt Georg Mehnert Zögerer.Wie viele Berliner Auswanderer nach Berlin zurückkehren, bezeugt keine Statistik.Die Landespflege-Ingenieurin Astrid wird sicher nicht dazugehören."Ich kenne die Arbeitswelt schon und habe viele Freunde gefunden - in Australien ist einfach alles so, wie ich es mir erträume." TIPS ZUM AUSWANDERN Warnung vor BohrinselnWer das Auswanderungs-Land seiner Wahl nur aus dem Urlaub kennt, wird von seiner neuen Heimat womöglich bitter enttäuscht: Oft ist der Alltag anders als gedacht.Wer mit dem Gedanken spielt, auszuwandern oder länger im Ausland zu arbeiten, kann sich an das Raphaels Werk vom Caritas Verband, Tübinger Straße 5, 10715 Berlin (Wilmersdorf) wenden.Beratungstermine bitte unter der Faxnummer 857 84 137 oder Telefon 857 84 237 ausmachen.Service: Unterstützung in juristischen Angelegenheiten, Tips zu Arbeitsverträgen, Sozialversicherungen, Steuern - aber auch Kindergartenplatz und Auto-Anmeldung. Das Deutsche Rote Kreuz in Brandenburg berät unter der Telefonnummer 0331-2864123.Jobs in Europa vermitteln die Arbeitsamt-Berater Josef Hafner (8444 1444), Ina Rosenow (5555 1912).Die Experten warnen indes vor Jobs auf Bohrinseln, die Geschäftemacher derzeit per Anzeigen offerieren.Seriösen Anbieter, so ihr Fazit, verlangen kein Geld.kög

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben