Berlin : Als seriöse Dientleister sind sie der letzte Anlaufpunkt für Kreditsuchende

Klaus Wieking

Ist der Dispo-Kredit bis zum Anschlag ausgereizt und die gesamte Verwandtschaft ausgepumpt, bleibt Kreditsuchenden noch ein Weg: der ins Leihhaus. Das zweitälteste Gewerbe der Welt hat sich längst zu einer seriösen Dienstleistungsbranche mit respektablen Umsätzen gewandelt. Doch nur der Kunde, der sein Pfand schnell wieder auslöst, gerät nicht noch tiefer in die finanzielle Misere.

In einem Haus in der Mommsenstraße, neben Architekturbüros und Arztpraxen, befindet sich das Leihhaus City. Die Innenräume des Geschäfts sind weit entfernt von allen literarischen Vorstellungen einer düsteren Charles-Dickens-Welt; kein geldgieriger Wucherer mit grüner Schirmmütze und Ärmelschonern hockt hier hinter dem Tresen, sondern ein paar Angestellte wie in einer Sparkasse hinter Panzerglas.

Das zahlreiche Publikum kommt und geht erhobenen Hauptes, vom armen Mütterchen, das schamhaft und brechenden Herzens den Familienschmuck ins Leihhaus trägt, keine Spur. "Das ist ein schnelles Ding hier", sagt ein junger Mann, der regelmäßig Wertgegenstände versetzt. Nach seiner Scheidung belieh er schnöde seinen Ehering. "Die Leute empfinden die Verpfändung nicht mehr als ehrenrührig", beobachtet Axel Neisch, Inhaber des Leihhauses, das jährlich Tausende Kunden aufsuchen. Was zählt, ist das schnelle Geld, und das gibt es nirgends so unkompliziert wie im Pfandhaus. Neben dem Pfandgut braucht der Kunde nur seinen Personalausweis, keine Gehaltsbescheinigung, keinen Bonitätsnachweis, keinen Schufa-Auszug. Dafür bekommt er zumeist die Hälfte des Zeitwertes des verpfändeten Gegenstandes bar auf die Hand.

Den Schnellkredit nehmen nicht Arme in Anspruch - die mangels Wertgegenständen ohnehin als Kunden ausfallen -, sondern zumeist Mittelstand und Oberklasse; Neisch zählt Freischaffende, Schauspieler und Gewerbetreibende zu seinen Kunden, die das Versetzen ihrer Rolex oder Kameraausrüstung aus einer vorübergehenden Kalamität hilft. Hehler und Stehler verirren sich dagegen nur selten in die Pfandhäuser, laut Neisch hat das Leihhaus City im Schnitt zwischen fünf bis sechs Gegenstände im Jahr, die von der Polizei eingelöst werden. Mit Forderungen nach Rechnungen und Eigentumsnachweisen halte man sich Kunden aus dem Milieu vom Leibe, berichtet Neisch.

Am liebsten nehmen die Pfandleiher Schmuck - er macht rund 80 Prozent des Geschäfts aus - und hochwertige Technik, wobei der rasante Preisverfall der Elektronik auch die Summe für den Verpfänder drückt. Seitdem der Computer von Aldi kommt, gibt es für den Videorecorder oder das TV-Gerät allenfalls im Höchstfalle ein paar Hundert Mark im Pfandhaus. Andere Gegenstände, die früher die Lager der Leihhäuser verstopften, sind völlig out. "Teppiche und Pelze kann man voll vergessen", berichtet Guntram Goebel, Pfandleiher an der Weddinger Müllerstraße, dessen Großmutter schon ein Leihhaus betrieb und selbst auf Unterwäsche, Büstenhalter und gebrauchte Schuhe Kredit gab.

Von der landläufigen Vorstellung, dass der Pfandleiher den Wert des beliehenen Gegenstandes bewußt herunterrechnet, um ihn dann gewinnbringend zu verhökern, ist das genaue Gegenteil richtig. "Wir wollen die Sachen gar nicht haben", sagt Goebel, der Vorsitzender der "Vereinigung der Pfandkreditbetriebe Mitteldeutschland" ist. Nur schwer läßt sich laut Goebel nach Abzug der Kosten für Taxierung, Lagerung und Versicherung des Pfandgutes der Gegenwert bei der Versteigerung, die nach neun Monaten stattfinden muss, wieder einspielen. Der Mehrerlös geht ohnehin an den Kunden.

Das eigentliche Geschäft besteht für die Pfandleiher in der Kreditvergabe. Und das lohnt sich: Berechnet wird ein Prozent Zinsen im Monat, zuzüglich Gebühren von zwei bis drei Prozent. Wer seinen Pfandschein also nicht schnell wieder einlöst, zahlt mächtig drauf. "Jeder, der kann, holt sein Pfand wieder kurzfristig ab", sagt Neisch ungerührt. Doch nicht jeder ist dazu in der Lage, und so gehen die Geschäfte der Leihhäuser nicht schlecht. 1998 bescherten 1,5 Millionen Kunden den 170 deutschen Pfandhäuser, 14 davon in Berlin, nach Angaben ihres Dachverbandes einen Umsatz von 650 Millionen Mark. Bis Mitte der neunziger Jahre konnte die Branche sogar über Zugewinne in zweistelliger Höhe jubeln.

Inzwischen hat sich die Umsatzkurve der allgemeinen wirtschaftlichen Stagnation angepasst, denn auch die Mär, dass es den Pfandleihern nur gut geht, wenn alle anderen darben, ist falsch. Je besser die ökonomische Lage, um so größer die Wünsche, die angeschafften Güter und damit der Kredithunger, weiss der gewiefte Verleiher. Allen wirtschaftlichen Fährnissen zum Trotz, zeigt sich das Pfandhauspublikum beständig darin, dass es über 90 Prozent der Pfänder wieder auslöst. Unter dem traurigen Rest befinden sich ab und an auch Kuriosa wie das asiatische Opfergefäß, auf dem einst Verleiher Axel Neisch sitzen blieb. Als er es nach Ablauf des Pfandscheins näher untersuchte, fand er auf einem doppelten Boden eine mumifizierte Ratte. Die gilt tot und ausgetrocknet angeblich in Teilen Asiens als Glücksbringer.

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