Alt-Friedrichsfelde : Wo Solidarität noch zählt

Das Image von Lichtenberg ist nicht sonderlich gut. Der Bezirk gilt als Hochburg der Neonazis. Aber es gibt auch das "andere" Lichtenberg. Ein Besuch in der Siedlung Alt-Friedrichsfelde.

Anne Grieger

Berlin - Vor dem neu eröffneten Supermarkt reihen sich Autos Stoßstange an Stoßstange. Es gibt keine Sonderaktion, es ist Samstagvormittag. "Bis vor kurzem stand hier ein Betonklotz aus DDR-Zeiten, der von Rechten als Treffpunkt genutzt wurde", erzählt Nadine K. Die Niederlandistik-Studentin ist auf dem Weg zu ihren Eltern: die wohnen im vierten Stock eines der blau-grauen Plattenbauten, die hinter dem Supermarkt in den Himmel ragen. Einen Kilometer Luftlinie entfernt von der ehemaligen Berliner Bezirkszentrale der Stasi.

Die Häuserzeile "Alt-Friedrichsfelde" wirkt gepflegt, von Müll keine Spur. Die Sträucher vor den Häusern sind sorgfältig geschnitten, nach hinten hinaus blicken die Bewohner des elfgeschossigen Blocks auf einen Spielplatz mit hohen Bäumen. Jugendliche in Militär-Look, die dem Image Lichtenbergs über Berlin hinaus schaden könnten, sieht man nicht. "Hier sind die Leute eher rot", sagt Sebastian U., der seit er denken kann in der Siedlung Alt-Friedrichsfelde wohnt. Sebastian ist 25 Jahre alt und promoviert an der Freien Universität. Warum rot und nicht braun? Nadine zuckt mit den Schultern: "Der Nationalsozialismus wurde in der DDR nicht hinreichend aufgearbeitet." Dass sich die Rechten in einer anderen Ecke des Stadtteils, im Weitlingkiez, breit gemacht hätten, sei wohl Zufall: "Die haben dort Gleichgesinnte gesucht und gefunden." Seit die Baracke auf dem jetzigen Supermarkt-Gelände abgerissen wurde, seien sie aus Alt-Friedrichsfelde verschwunden.

Viele Mieter sind über 90

"Den Menschen geht es nicht schlecht", sagt Nadine, die inzwischen selbst in Neukölln wohnt. "Sie leben gerne hier." Ähnlich äußert sich Anett N. von der Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität. Die Mieter sprechen meist von der "AWG" - für sie ist es die "Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft" geblieben. "Viele frühere Mieter verbinden gute Erinnerungen mit unserer Wohnanlage. Es gibt durchaus junge Leute, die woanders hinziehen, dann aber wieder nach Alt-Friedrichsfelde zurückkommen." Ein frommer Wunsch? Die Altersstruktur der Siedlung erscheint alarmierend, wie Anett N. auf Nachfrage einräumt. Das Durchschnittalter liegt bei 53 Jahren, gut elf Jahre über dem Berliner Durchschnitt. "Die Bewohner sterben uns regelrecht weg. Viele Mieter sind über 90 Jahre alt." Dennoch war der Wohnungsleerstand mit 0,6 Prozent im vergangenen Dezember minimal.

Was macht die Siedlung attraktiv? Die günstigen Mieten allein können es nicht sein. Viele Bewohner sind Mieter der ersten Stunde. Sie zogen 1981 ein, als Alt-Friedrichsfelde noch "Straße der Befreiung" hieß. Sie sind in ein Nachbarschaftsverhältnis hinein gewachsen , das als "soziale Nische in der Großstadt" bezeichnet werden könnte. Noch immer wird jeden Sommer ein Hoffest gefeiert, mit Kartoffelsalat und Würstchen vom Grill und viel Berliner Pilsner. Auch helfen sich die Mieter gegenseitig. "Als es unserer Nachbarin Frau W. schlecht ging, haben sich andere Mieter um sie gekümmert, haben für sie mitgekocht, bis es nicht mehr ging", erzählt etwa Marcel U. über sein Haus, die legendäre "Nummer 37". Die Hausgemeinschaft galt schon vor der Wende als "vorbildlich" und erhielt unter anderem die "Goldene Hausnummer": Eine Auszeichnung, die von der AWG für die Organisation von gemeinschaftlichen Aktivitäten und Sauberkeit im Haus vergeben wurde.

Plattenbauten galten als fortschrittlich

Die Bewohner des Häuserblocks zählten zu den "Privilegierten", die Wohnungen wurden durch die Betriebe zugewiesen. "Plattenbau" stand für Fortschritt: Während Altbauten in der DDR immer maroder wurden, verfügten Plattenbauten über modernen technischen Standard. "Die Leute haben sich um Wohnungen mit Fernwärme und Warmwasser gerissen", erzählt Eberhard G. (68), der gemeinsam mit einem Bekannten eine Altbauwohnung gegenüber der Siedlung als Atelier nutzte. Hauptmieter war ein Stasi-Mitarbeiter, der von einem der Zimmer aus die Straße beobachtete. "Privat hat Herr L. auch in einem dieser Neubauten mit Fahrstuhl gewohnt. Typ WBS 70 - die findet man von Halle bis Stettin!"

Die Privilegierten von damals sind in die Jahre gekommen, die Stimmung scheint zu kippen. Von depressiven Frührentnern ist die Rede, von der Schließung eines Gymnasiums wegen Schülermangels, von Menschen, die ihre Stelle verloren haben. Diejenigen, die bleiben, entscheiden eher pragmatisch: Niedrige Mietpreise oder die günstige Verkehrsanbindung können Gründe sein, bei Jüngeren die Kinderbetreuung durch die eigenen Eltern. Die wenigen leeren Wohnungen werden meist an junge Bewerber vergeben, die schon in Friedrichsfelde aufgewachsen sind. Anfragen von außerhalb bleiben die Ausnahme.

Marcel U. und Nadine K. gehen offensiv mit ihrer Lichtenberger Kindheit um. Im studentischen Internet-Forum StudiVZ, einer virtuellen Kontaktbörse für Studierende und Jungakademiker, haben sie sich Gruppen wie "Kinder der No-go-area-Lichtenberg" oder "Ich war Jungpionier aber kein Thälmannpionier mehr" angeschlossen.

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