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Altbau in Kreuzberg geräumt : Und dann kam Beton durch die Wand

Unglück auf der Baustelle: In einem Rohbau in der Markgrafenstraße wurde eine Stütze gegossen - die Betonmasse blieb aber nicht, wo sie hingehörte. Das Nachbarhaus wurde massiv beschädigt.

von , und Tania Röttger
So sieht es in der zerstörten Altbau-Wohnung in der Markgrafenstraße aus.
So sieht es in der zerstörten Altbau-Wohnung in der Markgrafenstraße aus.Foto: Emanuele Giordani

Bei Bauarbeiten in Kreuzberg ist ein folgenreiches Unglück passiert: Nachdem am Dienstagnachmittag am Rohbau des "Metropolenhaus am Jüdischen Museum" eine Stütze gegossen worden war, haben sich mehrere Tonnen Betonmasse verselbstständigt und ein daneben stehendes Wohnhaus schwer beschädigt.

Gegen 16 Uhr am Donnerstagnachmittag habe es einen lauten Knall aus einer Wohnung im vierten Stock gegeben, berichteten Anwohner am Freitagmorgen. Emanuele Giordani, der zusammen mit seiner Partnerin in der Wohnung lebt, war zu diesem Zeitpunkt noch auf der Arbeit. Als er gegen 21 Uhr nach Hause kam, fand er seine Wohnung in desolatem Zustand vor: Der flüssige Beton aus dem "Metropolenhaus" war durch die Wand in Giordanis Wohnung gedrungen. Die Wand und ein Teil der Decke waren eingestürzt. "Durch die Kraft der Masse hat sich der Beton schlichtweg durch die Wände des Altbaus gefressen", sagte ein Feuerwehrsprecher am Freitagmorgen.

Frischer Beton beschädigt angrenzendes Haus schwer
Links der Neubau, daneben der massiv beschädigte Altbau: Das Haus mit zehn Bewohnern in der Markgrafenstraße musste geräumt werden, nachdem mehrere Tonnen flüssiger Beton von der benachbarten Baustelle aus eindrangen.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Jörg Carstensen/dpa
17.06.2016 09:56Links der Neubau, daneben der massiv beschädigte Altbau: Das Haus mit zehn Bewohnern in der Markgrafenstraße musste geräumt...

Giordani verständigte Hausverwaltung, Feuerwehr und Polizei. Der Altbau wurde evakuiert, die zehn Bewohner des Hauses in der Markgrafenstraße mussten ihre Wohnungen verlassen. Als sich der Einsatzleiter der Feuerwehr ein Bild von der Lage machte, sei er "sprachlos" gewesen. "Das hatte auch er noch nicht erlebt", sagte der Sprecher.

Das Gebäude wurde abgesperrt und versiegelt. Nach Auskunft der Feuerwehr ist die Bauaufsicht vor Ort. Gegen 12 Uhr am Freitagmittag soll eine Begehung stattfinden. Noch ist nicht klar, wie es zu dem Unglück kommen konnte, wie hoch der entstandene Sachschäden ist und ob das beschädigte Gebäude weiter bewohnbar ist. Am Freitagvormittag sollen auch Risse in den Wänden der Wohnung direkt unter der von Giordani festgestellt worden sein.

Im "Metropolenhaus" sollen bis Herbst nächsten Jahres Wohn- und Gewerbeflächen entstehen. Der Bauherr will auf dem Grundstück ein "interkulturelles Mosaik" entstehen lassen. Im Erdgeschoss des Gebäudes sollen Restaurants und Projekträume untergebracht werden, um ein "urbanes Miteinander" zu ermöglichen. Die Bauarbeiten waren im August 2015 begonnen worden.

Die Geschäftsführung vom "Metropolenhaus" veröffentlichte am Freitagmittag eine Stellungnahme. Man bedauere die "erheblichen Beeinträchtigungen für die betroffenen Bewohner", sei aber gleichzeitig erleichtert darüber, dass niemand bei den Wandeinbrüchen verletzt worden sei. Warum dies geschah, sei noch unklar: "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt arbeitet ein Team von Fachleuten und Baubeteiligten an der Klärung der Ursache", hieß es in der Erklärung. "Uns ist sehr daran gelegen, dass unsere Nachbarn (...) so schnell wie möglich in ihre Wohnungen zurückkehren können."

Nach Angaben von Kreuzbergs Baustadtrat Hans Panhoff sind die Schäden im Haus "nicht ganz so schlimm wie befürchtet." Die verwüstete Wohnung von Emanuele Giordani und die darunter gelegene können jedoch bis auf weiteres nicht mehr bewohnt werden. Die anderen Wohnungen seien inzwischen wieder freigegeben, sagte ein Sprecher der Deutsche Wohnen, die das Haus besitzt. In dem Teil des "Metropolenhaus", in dem sich das Unglück ereignete, wird nach Auskunft des Bezirksamt vorerst nicht weitergebaut. Erst müssten Gutachter beurteilen, wie sich das Unglück ereignen konnte, so Panhoff.

In Berlin herrscht Wohnungsnot. Geringverdiener können kaum noch eine finanzierbare Wohnung in der Innenstadt finden. Nach einer von der Linkspartei in Auftrag gegebenen Studie der Humboldt-Universität fehlen derzeit mindestens 125.000 Wohnungen. (mit dpa)

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