Berlin : Alte Heimat Neue Heimat Mal Raumschiff, mal Refugium

Zwei aus einem Bezirk: Ein Manager und eine Schauspielerin lieben Berlins wasserreichsten Landstrich. Hardy Rudolf Schmitz ist er Startbasis zu neuen Welten, für Franziska Troegner Ruhepol und Rückzugsort

Heidemarie Mazuhn

Lange hat sie es in Pankow ausgehalten. 1999 ist sie heimgekehrt, zurück zu ihren Wurzeln. Die Schauspielerin Franziska Troegner, 1954 geboren in Köpenick, lebt wieder in ihrem Bezirk. „Zwischen Abgeschiedenheit und Weltgeschichte“, sagt die Schauspielerin über ihre neue, alte Heimat, in der sie bis 1959 die ersten Kindheitsjahre verbrachte und später noch viele unvergessliche Sommer auf dem elterlichen Gartengrundstück in Wilhelmshagen.

Troegner, gefragt bei Film und Fernsehen, ist eine gefragte Aktrice. Vor zwei Jahren hatte sie ihre größte Auslandsproduktion: In Hollywood drehte sie mit Stars wie Johnny Depp und Helena Bonham Carter den Film „Charlie und die Schokoladenfabrik“ . Der heimischen Fernsehgemeinde ist sie eher als Schwester Gertrud aus dem „Landarzt“ bekannt oder als Hilde in „Hallervordens Spottlight“. Brecht-Anhänger kennen die große Theatervergangenheit der Schauspielerin – bis 1993 gehörte sie zwei Jahrzehnte dem Berliner Ensemble an.

Privat liebt sie es ruhig. Sie lebt in ihrem grünen Refugium in Grünau. Ihren Bezirk jedoch beobachtet sie aufmerksam. Hier, in der damaligen Stadt Köpenick, haben sich ihre Urgroßeltern 1902 niedergelassen – in der Schillerpromenade in Oberschöneweide, wo der Urgroßvater Adolf bei der AEG arbeitete und die Urgroßmutter Anna bis zu ihrem Tod 1972 lebte. Heute sind nicht nur im Dreh der Wilhelminenhofstraße viele Köpenicker arbeitslos. Ein Grundproblem des Bezirks, findet Franziska Troegner. „Nicht umsonst sind in Oberschöneweide so viele rechts.“ Die trauern vollbeschäftigten Zeiten nach: In der DDR kam ein Drittel der Einnahmen der Ost-Berliner Wirtschaft aus Köpenick.

Dass auf der Einkaufsmeile Bahnhofstraße die kleinen Geschäfte von früher dichtgemacht haben, bedauert Franziska Troegner. Und erst das Freizeitangebot für junge Leute! „Wenn die was erleben wollen, fahren sie zur Disko A 10 nach Wildau oder treffen sich an der Tankstelle. Dann stehen da fünfzig besoffen rum und pöbeln. Gruselig ist das.“

Auch für die Studenten im ansonsten beeindruckenden Wissenschaftszentrum Adlershof biete der Bezirk zu wenig. Das kleine Kino „Casablanca“ und ein „Kaufland“ könne wohl nicht alles sein, was junge Leute brauchen.

Dass in ihrem Umfeld die Straßenbahn weiterhin von Grünau nach Schmöckwitz fahren darf, findet Franziska Troegner dagegen wunderbar. Den Geschäfteschwund weniger: „Sogar Schlecker ist aus Schmöckwitz raus.“ Traditionsgebäude wie das Gesellschaftshaus Grünau und das Lokal Riviera verfallen. Aber alles in allem müsse man sich freuen, so viele frische Fassaden gebe es in dem zu Vor-Wendezeiten bröckelnden Bezirk.

Auch das Rathaus strahlt längst wieder in märkischem Backsteinglanz. Das Denkmal davor erinnert sie an ihren 1993 verstorbenen Vater, den Schauspieler Werner Troegner. Der hatte für ein Jahr die Glanzrolle im Bezirk: Er war der amtierende „Hauptmann von Köpenick“.

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