Berlin : Alte Liebe

Fünf Jahre ist das Daimler-Quartier jetzt alt. Fast genau so lange wohnt Siegrid Klinke wieder hier. Den Potsdamer Platz kennt sie jedoch viel länger

Lothar Heinke

„Der Scheitel und die Brille und der Gang – das kann doch nur der Eichel sein. Da vorn im Café sitzt manchmal der Karasek. Und Götz George war auch mal da.“ Siegrid Klinke kennt sie alle. Die einstige Artistin lehnt sich über die Brüstung ihres Balkons in der Voxstraße: „Drüben, vor dem Huth- Haus, steht mein Baum. Dem hab’ ich Wasser gebracht. Dann sprech’ ich mit ihm. Wir verstehen uns. Und wir haben ja eine Menge erlebt, hier, auf dem Platz…“

Wenn im Daimler-Chrysler-Quartier am 2. Oktober das fünfjährige Bestehen dieses neuen Städtchens in der Stadt gefeiert wird, sitzt Siegrid Klinke in der Ehrenloge. Sie lebte schon auf diesem Flecken, als sich hier die Wildkaninchen Gute Nacht sagten, weil die Mauer den Platz durchschnitt und das Huth-Haus mit seinem Türmchen am östlichen West-Stadtrand stand. Seit 1968 blickte sie aus dem letzten Haus am Platze auf „ihren“ Baum, „hier war es nicht so quirlig wie heute, aber auch nicht langweilig“: Wir blättern uns im Fotoalbum durch die Jahrzehnte: „Da war der Flohmarkt, dort die Magnetschwebebahn. Da das Lenné-Dreieck, dort die Wagenburg. Hier stiegen die Leute auf die Aussichtsplattform, um rüber zu gucken, dort war der Andenkenladen. Und nu? Allet weg!“ Sie sagt das ohne Wehmut, wiewohl die Touristen von heute immer wieder fragen, wo denn die Mauer von gestern stand. Siegrid Klinkes Album der letzten fünf Jahre ist ungleich umfangreicher.

Sie war eine der letzten, die das Huth- Haus Anfang 95 Richtung Zehlendorf verließ, weil das graue Gebäude für die Debis- Zentrale umgebaut werden sollte und schon bald ringsum ein Abgrund gähnte, in den märkisches Grundwasser gurgelte. Fröhlich vereint sitzen am 29. Oktober 1994 Eberhard Diepgen, Edzard Reuter und die Daimler-Spitze in der ersten Baugrube, die Rias-Big-Band bejazzt die Grundsteinlegung: „Und dann ging das hier richtig los.“

Frau Klinke bleibt mit ihrem Potsdamer Platz verheiratet. „Mein Herz hängt an der Gegend, in die ich mit 39 Jahren gezogen bin“, sagt die heute 73-Jährige. Sie verfolgt das Wachsen der Häuser, sie guckt immer wieder nach ihrem Baum – und beschließt, zurück zu kommen: Am 2. Dezember 1998 zieht sie in ihre kleine neue Wohnung in der Voxstraße und blickt seitdem schräg links aufs Huth-Haus, unter sich ein Restaurant, gegenüber Wohnungen und die sandbraunen Fassaden der Arkaden, jene Kaufmeile, die vom ersten Tage an die Touristen so anzog wie Pergamonaltar, Kurfürstendamm oder Brandenburger Tor.

„Ich bin hier mittendrin, ohne dabei zu sein“, sagt Siegrid Klinke; Gehbeschwerden nehmen ihr die Leichtigkeit des Seins, dennoch fährt sie mit ihrem Wägelchen nach drüben in die Arkaden, das Notwendige kaufen, es ist ja alles da. Ins Café? „Nein, da hol’ ich mir ein Stück Kuchen und bin mein eigener Ober“: Auf dem Balkon blickst du links auf die Fortsetzung der Stadt – Domkuppel, Marienkirche, Fernsehturm und Gendarmenmarkt – und rechts flirren abends die Lichter von „Marlene“, auf dem Marlene-Dietrich-Platz sei immer mal wieder „tolle Action“, gerade kreischten die Mädchen, weil da irgend ein Casting war – oder es kam ein Star vorbeigeflogen, ganz gegen die Gewohnheiten dieser Spezies, die im Hyatt von der Suite gleich in die Tiefgarage geliftet werden, um dann wieder abzuschwirren.

Das letzte Zeugnis der Wiederauferstehung eines Platzes steht bei Siegrid Klinke auf der Anrichte: Ein Pflasterstein für jeden Ehrengast bei der Eröffnung der Alten Potsdamer Straße. Damit war alles komplett bei Daimlers Platz in der neuen Mitte, der City für Ost wie West: Musical-Theater, Büros, Spielbank, Wohnungen, Hotels, Kinos, 110 Geschäfte, 30 Cafés, Bars und Restaurants – zwei Milliarden Euro kostete das alles und brachte 10 000 Arbeitsplätze. Und eine neue Wohnung für Siegrid Klinke und ihren Pudel Vicki.

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