Berlin : Alte Nationalgalerie: Die luftige Reise der Nazarener

Andreas Conrad

Jakob Salomo Bartholdy, 1816/17 preußischer Generalkonsul für Italien, muss ein kunstsinniger Mann gewesen sein. Vergeblich hatte er seine Regierung wie auch betuchte Bürger gedrängt, die darbenden deutschen Künstler, zumal jene, die sich in Rom zu einer kleinen Kolonie zusammengefunden hatten, mit Aufträgen zu unterstützen. So sah er sich selbst gefordert, dass die jungen Talente keine Gelegenheit fanden, ihr Können zu beweisen, schien ihm fatal: "Hieraus entstand nicht nur das Übel, dass man jene Künstler nicht kannte, sondern auch das vielleicht größere, dass sie sich selbst nicht kannten." Daher gab er fünf jungen Malern, die wegen ihrer bevorzugten Themen und der Begeisterung für die Meister der Renaissance spöttisch die Nazarener genannt wurden, den Auftrag, den Festraum seiner Privatwohnung im Palazzo Zuccari in Rom ausmalen zu lassen. Die biblische Josephsgeschichte war das Thema, die Freskomalerei die Technik. Dabei wird die Farbe auf den frischen (daher der Name) Putz aufgetragen, an späteren Transport dachte niemand. Und doch mussten die acht Fresken gestern wieder einmal umziehen, nur quer über die Straße vom Alten Museum zur Alten Nationalgalerie, angesichts der Fragilität der Fresken bedarf es akribischer Planung und erheblichen Fingerspitzengefühls beim Kranfahrer. Indes, vergebens.

Der erneute Umzug der Fresken, die 1998 wegen der anstehenden Sanierung der Nationalgalerie ausgelagert worden waren und nun zurückkehrten, klappte nur teilweise. Geplant war, sie durch eine Dachöffnung zu ihrem angestammtem Platz im Obergeschoss des Museumsbaus zurückzuhieven, aber darauf hat man mit sorgenvollem Blick zum Himmel doch lieber verzichtet und die verpackten Werke erst einmal im Erdgeschoss abgestellt. "Mit ihrer Verpackung wirken sie wie Segel", erklärte Birgit Werwiebe, in der Nationalgalerie zuständig für die Malerei des frühen 19. Jahrhunderts, verwies auch darauf, dass die Öffnung, durch die die bis zu drei mal vier Meter großen Werke hindurchmüssen, kaum größer ist als sie selbst.

Nun hofft man auf sanftere Winde am morgigen Donnerstag, um das Werk zu vollenden. Auch das außerhalb der Nationalgalerie gelagerte Grabmal des jungen Grafen Alexander von der Mark, eines der bedeutendsten Werke Johann Gottfried Schadows, soll dann zurück ins Haus. Doch trotz aller Widrigkeiten, mit dem Wiedereinzug der Fresken ist ein wichtiger Schritt bei der Sanierung der Nationalgalerie getan: Es sind die ersten Werke, die nach jahrelanger Schließung zurückkehren. Noch immer ist das Haus eine Baustelle, aber Ende Juni sind Sanierung und Umbau so weit gediehen, dass man einen Blick ins neue alte Haus gewähren will. Eröffnung ist im Dezember.

Die Fresken der Casa Bartholdy, geschaffen von Peter von Cornelius, Wilhelm Schadow, Philipp Veit, Franz Catel und Friedrich Johann Overbeck, rühmt der Baubeauftragte und Skulpturenreferent der Alten Nationalgalerie, Bernhard Maaz, als "Meilensteine der deutschen Kunstgeschichte". Die Nazarener suchten eine Verbindung von patriotischem und künstlerischem Aufschwung, im Betrachter sollten religiöse und nationale Tugenden geweckt werden, und nur die Freskomalerei, die Technik Giottos oder Raffaels, schien dem hohen Anspruch gerecht zu werden. Immerhin hat man sich 1885/87, als die Gemälde von Preußen gekauft und nach Berlin transportiert wurden, für die schonendere Methode entschieden. Die Bilder wurden samt des Mauerwerks herausgesägt, letzteres entfernt und die originale Putzschicht durch eine neue Hinterkonstruktion aus Holz und Gips wieder stabilisiert. Dennoch: Ein starker Windstoß, und der anwesende Versicherungsmensch hätte sich die Haare gerauft. Und nicht nur er.

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