• ALTENPFLEGE IN BERLIN In der eigenen Wohnung leben bleiben – mit ambulanter Hilfe: Eine Frau für alle Fälle

ALTENPFLEGE IN BERLIN In der eigenen Wohnung leben bleiben – mit ambulanter Hilfe : Eine Frau für alle Fälle

Hauspflegerin Veronika Kirsten hilft täglich älteren Menschen – vom morgendlichen Anziehen bis zum Einkaufen und Kochen

Christoph Stollowsky

Am ersten Einsatzort von Veronika Kirsten könnte man morgens um sechs einen Krimi drehen, so unheimlich ist es. Regenwolken hängen zwischen den Mietshäusern am Falkenhagener Feld in Spandau. Die Chaussee ist leer, irgendwo im zehnten Stock wird gerade ein Licht angeknipst. Die 42-jährige, blonde Frau wirft die Tür ihres zitronengelben Kleinwagens so schwungvoll zu, als wolle sie Herumtreibern klarmachen, dass sie jeden, der ihr auflauert, mit genauso viel Elan zu Boden bringt. Sie schultert ihre Tasche und strebt einem mausgrauen Gebäude zu. Dann kramt sie den Bund mit den zehn Hausschlüsseln ihrer Kunden hervor und fährt in der rundherum bekritzelten Liftkabine zum sechsten Stock. Punkt 6.08 Uhr klingelt Veronika Kirsten bei Erna E.

Eine kleine Frau mit viel zu weiten Trainingshosen steht im Türrahmen ihrer Sozialwohnung. Drei Katzen schnurren um ihre Beine. Sie stützt sich auf ein Gehgestell. „Das ist mein Mercedes“, ruft die 76-Jährige mit der Lautstärke eines voll aufgedrehten Radios. Und dann redet sie ohne Pause, als wolle sie ihre Gebrechlichkeit mit dem Mundwerk wettmachen.

„Toi, toi, toi, ick kann wieder reinhauen!“ Erna E. hat sich heute schon selbstständig angezogen. Nach einer Hüftoperation vor sechs Monaten konnte sie kaum mehr laufen. Sie brauchte Hilfe. Doch mit ihrem Sohn ist sie verkracht. Also wandte sie sich an die Caritas-Sozialstation für häusliche Pflege in ihrer Siedlung. Fünfzig Haus- und Krankenpfleger versorgen von dort aus im Schichtdienst 180 Kunden im Norden Spandaus.

Erna E. gilt bei ihnen als Kämpfernatur. „Ich komme bald wieder alleine zurecht!“ Dieser Satz scheint sie mit Energie aufzuladen. So hat sie ihr Leben gemeistert, nachdem sie die Mutter auf einer Bahnhofstoilette gebar und nicht haben wollte. Sie wuchs bei Pflegeeltern auf, gründete mit ihrem ersten Mann eine kleine Familie. Nachdem der starb, heiratete sie erneut, aber ihr Zweiter erlag einem Kehlkopfkrebs. Nun stehen beide Männer eingerahmt im Regal. Davor sitzt Erna E. meist alleine auf dem von Katzenkrallen strapazierten Sofa und wartet auf ihre Helfer.

In der Küche hat Veronika Kirsten Brote geschmiert und Kaffee gekocht fürs Frühstück – danach verschwinden beide zur „Körperpflege“ im Bad: Waschen, Abtrocknen, Bürsten – durch die Tür dringt Lachen. Anfangs genierte sich die alte Frau, doch als Veronika Kirsten sie zum Fußbad einlud, fasste sie Zutrauen. „Das sind meine Tricks“, verrät die Helferin. Dann wirft sie sich für einen Moment in den Sessel. Der Job kostet Kraft.

Knapp 23 Minuten sind seit der Ankunft vergangen. Damit hat sie die vorgegebenen Zeiten – circa zehn Minuten für Körperpflege, acht fürs Frühstück – in etwa eingehalten. Jetzt schlägt sie die Einsatz-Dokumentation auf. Der rote Hefter liegt bei jedem Kunden auf dem Tisch. Von der Inkontinenz bis zur Vorliebe, lang auszuschlafen, wird darin alles Wissenswerte vermerkt. Sie blättert zu den „Durchführungskontrollbögen“ und kreuzt Leistungskomplexe an: LK 2 gleich „Kleine Körperpflege“, LK 15 „kleine Mahlzeit zubereiten“. Am Nachmittag kommen noch „LK 13“ und „LK 14“ hinzu: Einkaufen und Kochen für Erna E. 47 Minuten sieht der Einsatzplan dafür vor.

Doch erst einmal warten noch Lotte P. und Petra F. in Haselhorst auf Morgenhilfen. Lotte P., 83, sieht im Bademantel so zierlich aus, dass man fürchtet, ein Windstoß vom Fenster könne sie fortwehen. Sieben Tabletten liegen akkurat angeordnet auf dem Tisch – gegen Diabetes und Rheuma. Lotte P.’s größtes Problem ist zurzeit: „Alles Essen ekelt mich an.“

Die 80-jährige Petra F. richtet sich ächzend auf, zentimeterweise schlurft die schwergewichtige Frau voran. Seit vier Jahren wird sie von Veronika Kirsten umsorgt. Anfangs wollte sie sich in ihren Haushalt „nicht reinreden“ lassen, aber das ist längst überstanden. Die beiden verschwinden im Bad, unterdessen klingelt die Krankenschwester von der Caritas: Sie kommt zum Insulinspritzen.

Noch drei weitere Kundinnen warten auf Veronika Kirsten. Zwei sind fast taub, jedes Wort ruft sie ihnen ins Ohr und hält zärtlich die Hände. Danach, bei Gertrud Schäufele, hat sie einen entspannteren Job. Die 86-jährige, von Osteoporose geschwächte Frau, öffnet die Tür und plaudert gleich über die Zeitungsnachrichten.

Mittagspause. Veronika Kirsten trinkt im Stehcafé einen Cappuccino. 1993 ließ sich die Friseuse zur Pflegerin umschulen. Ihre Kinder sind erwachsen, doch wenn sie mit ihrem Kurzhaarschnitt und den engen Jeans erstmals bei Kundinnen auftaucht, fragen die: „Ham Se schon Familie?“ Ihren Job versteht sie als „motivierende Pflege“. 8,01 Euro erhält sie als Stundenlohn – und die Freude am Vertrauen, das zwischen ihr und den Älteren wächst. Ein Verhältnis, das niemals in Abhängigkeit münden dürfe, sagt Veronika Kirsten, bevor sie zurück zum Auto geht: Start zur zweiten Runde. Bei fast allen Frauen schaut sie nachmittags noch mal vorbei. Für Erna E. kauft sie das Katzenfutter ein. Und leistet ihr Gesellschaft beim Mittagessen. Obwohl es dafür keinen abzurechnenden „Leistungskomplex“ gibt.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Pflegeeinrichtungen gemacht? Schreiben Sie uns: Tagesspiegel, Berlin-Redaktion, 10876 Berlin, Stichwort: Pflege. Oder senden uns eine Mail: Berlin@Tagesspiegel.de

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