Berlin : Alter Schlachthof: Neun Jahre Lärm

Annekatrin Looss

Die Tage des "Langen Jammers" sind gezählt. Wenn im November die neue Thaerstraßenbrücke fertig ist, wird die alte Fußgängerbrücke mit dem so seltsam treffenden Namen zum größten Teil abgerissen. Hässlich ist es, das alte Gusseisen, in einigen Fenstern hängen Spanplatten, überall ist Graffiti. Und dennoch: Länger als 500 Meter führt der "Lange Jammer" von Friedrichshain über das Gelände des ehemaligen Zentralen Viehhofs, über die S-Bahn bis nach Lichtenberg und bietet einen guten Blick über das rund 50 Hektar große Areal, das seit 1993 Entwicklungsgebiet ist.

Im Jahr 1881 wurde das Gelände als "Centraler Vieh- und Schlachthof" eröffnet, damals einer der größten Europas. Per Bahn wurden täglich Tausende Schafe, Schweine und Rinder aus dem Berliner Umland hergebracht, verkauft, geschlachtet und verwurstet. Später, in der DDR, wurde der Schlachthof in Fleischkombinat umbenannt. Nach dem Fall der Mauer, im Jahr 1991, dann stillgelegt. Bis zum Jahr 2010 soll hier nun ein modernes Stadtquartier mit rund 1900 Wohnungen und etws 250 000 Quadratmetern Handels-, Gewerbe- und Dienstleistungsflächen entstehen.

Das erste Richtfest

In der vergangenen Woche wurde auf dem Gelände das erste Richtfest gefeiert. Für 191 Wohnungen im Hausburg-Viertel an der Landsberger Allee steht nun das Grundgerüst, im April des kommenden Jahres sollen sie fertig sein. Rund 150 Interessenten haben sich schon jetzt bei der Wohnungsbaugesellschaft "Arwobau" für die Wohnungen vormerken lassen. Kein Wunder, die Wohnungen sind öffentlich gefördert, die Miete liegt je nach Einkommen zwischen acht bis zwölf Mark pro Quadratmeter. Dabei hat jede Wohnung mindestens einen Balkon, viele sogar zwei oder eine große Dachterrasse. Auch die Verkehrsanbindung ist hervorragend, und dennoch hat die Sache einen Haken.

Noch mindestens neun Jahre müssen die neuen Bewohner des alten Schlachthofs den Baulärm aus der Nachbarschaft ertragen. Umfangreich waren die Pläne, als der alte Schlachthof mit seinen vielen denkmalgeschützten Hallen im Jahr 1993 im Hinblick auf Olympia 2000 zum Entwicklungsgebiet erklärt wurde. Oft mussten die Pläne seitdem korrigiert werden, nicht zuletzt, weil der Rechnungshof eine Mängelliste vorlegte. Statt der geplanten 2500 Wohnungen sollen nur noch 1100 entstehen, demnach reichen zwei statt drei Kitas. Auch für die geplante Seniorenresidenz sahen die Prüfer keinen Bedarf.

Dennoch ist man bei der zuständigen Stadtentwicklungsgesellschaft Eldenaer Straße (SES) optimistisch. Mit insgesamt acht Investoren sind inzwischen Verträge für 8,3 Hektar große Flächen abgeschlossen. Insgesamt sollen zweieinhalb Milliarden Mark von privaten Investoren in das Gelände fließen. Nach langen Jahren der Planung und Erschließung habe nun die erfreuliche Phase begonnen, in der sich der alte Schlachthof mit Leben fülle, heißt es bei der SES. Baulärm wäre hier wohl das treffendere Wort gewesen. So läuft für das Zentrum Alter Schlachthof das Baugenehmigungsverfahren. In den denkmalgeschützten Hallen sollen Bars und Restaurants entstehen. Das gilt auch für das Gebäude der ehemaligen Lederfabrik Steinlein und die Steinleinhalle. Sie sollen nach der Rekonstruktion Wohn- und Gewerbelofts bieten. Auf der anderen Seite des Wohnhauses soll die Turnhalle für eine nahegelegene Grundschule gebaut werden. Die ist allerdings noch genauso wenig zu sehen, wie die geplanten großzügigen Parkanlagen.

Auch am anderen Ende des Gebietes Alter Schlachthof, an der Eldenaer Straße, tut sich was. Frisch restauriert heben sich die Wände dreier ehemaliger Rinderställe vom Verfall ringsum ab. Die Berliner Landesentwicklungsgesellschaft (BLEG) hatte die 7862 Quadratmeter Fläche im vergangenen Jahr gekauft. Noch in diesem Jahr sollen Handwerker, Kleinbetriebe, Dienstleister und Kreative aus den Friedrichshainer Hinterhöfen in die denkmalgeschützten Hallen ziehen.

Ladenhüter Auktionshalle

Direkt neben dem "Langen Jammer", unweit der drei restaurierten Hallen, steht allerdings ein weiteres Problem des Entwicklungsgebiets: die Rinderauktionshalle. Mit 217 Metern Länge und rund 15 000 Quadratmetern Fläche ist sie die größte Halle Europas. War sie eigentlich als Wahrzeichen des neuen Stadtviertels geplant, entwickelt sie sich langsam, aber sicher zum Ladenhüter. Ein Käufer für sie fehlt ebenso wie eine Idee zur Nutzung. Abgerissen werden darf sie aber nicht, denn sie steht unter Denkmalschutz.

1993 noch sollte sie Olympia-Kantine werden, später beschäftigten sich Architekturstudenten mit der riesigen Halle. Sie schlugen eine Pflanzenverkaufshalle vor - oder eine Jugendherberge. Ein Käufer wurde dennoch bislang nicht gefunden. Und so besteht die Gefahr, dass die Rinderauktionshalle den "Langen Jammer" nach dessen Abriss namentlich beerben und fortan als "großer Jammer" in die Kiezgeschichte eingehen könnte.

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