Alternative Rituale an Weihnachten : Frohe Keinachten

Kein „O Tannenbaum“, keine Krippe, kaum Geschenke – aber zweieinhalb freie Tage. Welche Festrituale haben Berliner, die kein klassisches Weihnachten feiern? Sieben Keinachtsgeschichten.

Karl Grünberg
Da fehlt doch was, oder? Auch abseits der christlichen Weihnachtstradition feiern viele Berliner am 24., 25. und 26. Dezember – mit Familie und Freunden, mit gutem Essen und Musik.
Da fehlt doch was, oder? Auch abseits der christlichen Weihnachtstradition feiern viele Berliner am 24., 25. und 26. Dezember –...Foto: Fotolia/Montage: Tsp
Alkmini Boura, 33, Filmemacherin. „Weihnachten ist für mich: ein gutes Essen, meine Mutter, Freunde und Theater.“
Alkmini Boura, 33, Filmemacherin. „Weihnachten ist für mich: ein gutes Essen, meine Mutter, Freunde und Theater.“Foto: Mike Wolff

Mutter-Tochter-Tag
Alkmini Boura, 33, Filmemacherin.
„Weihnachten ist für mich: ein gutes Essen, meine Mutter, Freunde und Theater. Letztes Jahr gab es Birnenravioli und die ,Dreigroschenoper‘.“

Weihnachten war bei uns schon immer anders. Unsere Familie ist sehr klein, mein Onkel, meine Mutter und ich, dazu die Freunde, die bei uns Weihnachtsasyl bekommen. Weihnachtsboykotteure, Einsame oder Leute aus dem Ausland kommen am 24. Dezember zu uns. Wir essen, reden und haben Spaß. Was es noch nie gab, waren Weihnachtslieder oder Blockflötenklänge. Spießig, das Wort fällt mir dazu ein.

Meine Mutter ist Griechin, nicht orthodox, aber griechisch geprägt. Weihnachten hat in ihrer Welt keine Rolle gespielt. Mit mir und in Deutschland war es anders, auf einmal musste etwas passieren. Sie schmückte die Wohnung, manchmal gab es sogar einen Weihnachtsbaum. Ich erinnere mich noch an einen Nussknacker, der seinen Weg aus der DDR zu uns gefunden hatte, außerdem an Stollen von Freunden aus Dresden. Mein Gefühl zu diesen Tagen war immer unverkrampft, vielleicht nicht so festlich wie bei anderen, dafür entspannt und ohne Verpflichtungen.

Am schlimmsten war es, wenn wir mit anderen Familien die Weihnachtstage verbrachten. Ich erinnere mich an einen Urlaub in Dänemark. Plötzlich hieß es: Nun ist Bescherung. Wie in einem gut einstudierten Theaterstück holten alle Mamas und Papas die Geschenke heraus. Das große Verteilen und Aufreißen begann. Die Einzigen, die nichts dabeihatten, waren meine Mutter und ich. Wir hatten einfach nicht daran gedacht. Ich glaube mich noch an die mitleidigen Blicke der anderen Kinder zu erinnern. So etwas wie einen Wunschzettel kannte ich gar nicht. Auch konnte ich das Horten von Geschenken, das nicht enden wollende „Ich will das und das und dann noch das“ nicht leiden.

In solchen Situationen stand ich einfach zwischen den Stühlen. Auf dem einen saßen diejenigen, die Weihnachten traditionell in der Familie feierten, auf dem anderen saß meine Mutter, die sich bemühte, für mich etwas Schönes zu organisieren. Das am sehnlichsten gewünschte Geschenk, was ich dann doch einmal zu Weihnachten bekommen hatte, war eine echte Fliegerjacke aus Leder und mit Fell innen drin.

Als ich 16 Jahre alt wurde, hatte meine Mutter eine neue Idee. „Lass uns am 25. Dezember ins Theater gehen“, sagte sie. Seit 17 Jahren machen wir das nun. Ein Weihnachten im kulturellen Sinn, das passt zu uns. Diese besonderen Mutter-und-Tochter-Tage verlaufen immer ähnlich: Erst machen wir uns schön. Dann schauen wir, wenn wir das Stück nicht schon vorher ausgesucht haben, was die Bühnen Berlins zu bieten haben. Außerdem machen wir ein Foto von uns, das wir an alle unsere Freunde schicken. Wir haben uns also unsere eigenen Traditionen gebastelt.

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