Berlin : Alternativer Filmpreis: Techno-Gewitter nach der Gala

Sebastian Schneller

Schon eine Stunde vor Beginn der offiziellen Teddy-Verleihung regnet es Preise, quasi Lebenswerk-Medaillen mit den besten Glückwünschen. Mabel Ascheneller, Künstleragent und seit Jahren Organisator der Teddy-Gala, feiert seinen 50. Geburtstag. Auch Nina Hagen schaut vorbei und drückt Aschenneller ein Indien-Souvenir in die Hand. Pünktlich wie selten beginnt die Teddy-Gala nebenan im Auditorium, und wenn es einen Preis für "Bestes Timing" gäbe, diesmal hätten ihn die Organisatoren verdient, und mit ihnen die beiden pausenlos kalauernden Moderatoren Christoph Eichhorn und Fräulein Schneider, der weibliche Teil der Geschwister Pfister. Schon mit ihrer ersten herzerfrischenden Begrüßung in Balkan-Deutsch plappert sich die angeblich original bulgarische Stimmungskanone in die Herzen des Publikums.

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Zum 15. Mal wurde der lesbisch-schwule Filmpreis der Berlinale verliehen, aber so heiter und leichtfüssig ging die Gala selten über die Bühne. Nur als Beate Kunath und Sue Maluwa-Bruce noch vor dem Tusch auf der obersten Treppenstufe auftauchen, um ihren Teddy für den besten Dokumentarfilm entgegenzunehmen, stockt die Musik für eine Sekunde. In "Forbidden Fruit" wird die Geschichte eines lesbischen Paares im homophoben Zimbabwe erzählt. Auch darum ist der Teddy nach wie vor wichtig, sagt Festivaldirektor Moritz de Hadeln, um Lesben und Schwule in ihrem Kampf gegen Diskriminierung zu unterstützen. Der scheidende Berlinale-Chef bekommt einen Sonderbären für sein fortgesetztes Engagement für den lesbisch-schwulen Film.

Der Preis für den besten Spielfilm bekommt John Cameron Mitchell für seine Musical-Verfilmung "Hedwig and the Angry Inch". Was dem amerikanischen Regisseur am besten bei der Gala gefallen hat? Der Auftritt des Artistenduos Krasnopolski & Pereviasko. Die beiden Zirkuskünstler aus Kiew stehen auf Metall-Leitern Kopf, als würden die Luft Balken haben. Dabei schauen sie sich so schön-sehnsüchtig in die Augen wie zwei Königskinder. Als die beiden stürmisch beklatscht von der Bühne gehen, wartet Nina Hagen auf ihren Auftritt: Als sie auf der Showtreppe nach knappen zwei Stunden ihren Schmollmund zieht und Zarah Leanders "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" singt, hört man für drei Sekunden die ersten Techno-Bässe aus dem Foyer grollen wie Gewitterwolken. Die DJs beginnen, die beiden Tanzflächen zu beschallen. Es wird eine lange Nacht.

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