Altpapier-Verwertung : Gewaschen und gebügelt

Was passiert mit den 500 000 Tonnen Altpapier der Berliner? Ein Teil reist zur Fabrik in Schwedt, wird dort zu Brei aufgelöst und zu neuem Papier gepresst.

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Gelesen und gestapelt. Tonnenweise wird Altpapier aus Berlin in Anlagen am Stadtrand vorsortiert und mit Lastern in die Uckermark zur Papierfabrik Schwedt gebracht. Dort wird aus dem Rohstoff neues Papier – für Prospekte oder fürs Büro.
Gelesen und gestapelt. Tonnenweise wird Altpapier aus Berlin in Anlagen am Stadtrand vorsortiert und mit Lastern in die Uckermark...Foto: picture-alliance / united-archiv

Bunte Fetzen hat er in der Hand, er zerrt sie aus einem mannshohen Ballen. Falk Friedrich prüft das angelieferte Altpapier. Prospekte, Zeitungsseiten, Illustrierte und Kartons – zusammengeknüllt, zerhäckselt, dicht gepresst, mit Draht umwickelt – die Überreste von Lesestoff und Verpackungsmaterial aus Berlin. Erst wurde die Ladung aus den blauen Tonnen grob nach Papiersorten aufgeteilt, in Sortieranlagen am Stadtrand. Dann hat sie ein Laster zur Fabrik für Recyclingpapier in Schwedt an der Oder gebracht. Gabelstapler rattern an dem 34-jährigen Leiter der Produktion vorbei und türmen die Ballen um ihn herum auf. Der Wind wirbelt Papierreste über den Boden. Falk Friedrich inspiziert die Fetzen in seinen Fingern wie ein kostbares Gut. „Prima Qualität,“ sagt er. „Kaum Pappe, hoher Weißanteil.“

Hier, auf dem Lagerplatz der Leipa Georg Leinfelder GmbH beginnt die Kunst der Papiermacher am Schwedter Hafen. Rund 120 Schwerlaster liefern täglich den Rohstoff aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern an, pro Jahr 750 000 Tonnen Altpapier. Diese Menge, sie entspricht etwa 93 kompletten Jahresauflagen des Tagesspiegels, wird im Werk zu ebenso viel Recyclingpapier aufgearbeitet – für Prospekte , Magazine sowie für den Bürobedarf. Allein in Berlin werden jährlich 500 000 Tonnen Altpapier gesammelt und in diversen Fabriken recycelt.

Wenn der Papieringenieur Friedrich an einer Schautafel all die Anlagen erklärt, mit denen die rund 500 Mitarbeiter der Fabrik das Recycling bewältigen, nennt er viele Begriffe aus der Hauswirtschaft. Es geht ums Wässern und Filtern, Zentrifugieren und Entfärben, ums Pressen, Bügeln, Trocknen und Glanz auflegen.

Die erste Station auf diesem Weg ist allerdings düster und staubig. Neben dem Lagerplatz steht eine fensterlose Betonhalle, groß wie zwei Fußballfelder. In diesem Silo wird der Rohstoff gründlich gemixt. Bevor man ihn zu Zellulosebrei auflöst, sollen durchgehend möglichst gleiche Anteile von Druckfarben und Papiersorten enthalten sein.

So wird aus Altpapier neues Papier
Zerfetzt, zerknüllt und dennoch ein wertvoller Rohstoff: So wird das Altpapier aus den blauen Berliner Tonnen in der Papierfabrik in Schwedt (Uckermark) angeliefert. Auf der nachfolgenden Bilderstrecke verfolgen Sie mit uns den Weg des Altpapiers durch das Recycling-Werk. Dabei wird es in neues hochwertiges Papier für Druckmagazine und Werbeprospekte umgewandelt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 20Foto: Thilo Rückeis
29.03.2012 00:01Zerfetzt, zerknüllt und dennoch ein wertvoller Rohstoff: So wird das Altpapier aus den blauen Berliner Tonnen in der Papierfabrik...

Aus einer Deckenöffnung flattert der Nachschub herab, landet raschelnd auf wachsenden Papierbergen. Ein Radlader schiebt seine Schaufel hinein, wirbelt die Haufen durcheinander, kippt ab und zu ein paar Tonnen auf ein Förderband, das in einer Luke verschwindet. Auf schmalen wettergeschützten Brücken überquert das Band nun ein Stück Werksgelände.

In die ausgedehnte Fabrik führen Straßen und Bahnschienen. Die Georg Leinfelder GmbH hat nach der Wende einen Traditionsstandort übernommen. Hier wird seit der frühen DDR-Zeit Papier produziert, einst auch fürs „Neue Deutschland“. Inzwischen hat man sich auf umweltfreundliches Recyclingpapier spezialisiert. Dabei wird wesentlich weniger Wasser verbraucht, das anschließend aufwendig gereinigt werden muss. Und es wird bis zu einem Drittel weniger Strom benötigt als in herkömmlichen Papierwerken.

Das Förderband läuft auf eine Fabrikhalle zu. „Altpapieraufbereitung“ steht an der Tür. Drinnen ist es feucht-heiß wie im Dschungel, man braucht Ohrenstöpsel, um dem Lärm zu ertragen. Nur in der „Zentralwarte“ herrscht Ruhe. Von hier aus überwachen Papiertechnologen hunderte Vorgänge, die in der Halle automatisch ablaufen. Auf ihren Bildschirmen sieht das alles abstrakt aus. Sie kontrollieren Ziffern und Linien. Durch die Fenster ihrer Warte aber blicken sie auf Rohre, Pumpen, Trommeln, Becken, Kanäle und Maschinen. Ein raffiniert aufeinander abgestimmter Technik-Organismus. Haushoch, ständig in Bewegung, wohin man auch blickt. Nur über Leitern und Stege sind viele der Apparaturen zu erreichen.

„Dort stellen wir den Papierbrei mit einer optimalen Konsistenz her,“ sagt Produktionschef Falk Friedrich. Dafür wird das Altpapier in rotierenden Trommeln gewässert, aufgeweicht und so lange durch Siebe, Filter, Schleudern und Kneter gepresst, bis die letzten Heftklammern oder Sandkörnchen daraus entfernt sind. „Danach nehmen wir die Druckerfarben am Wickel.“ Luft und Seifenlauge werden in die matschige Brühe gepumpt. Die Farbpartikel lagern sich an den Luftbläschen an, wie schwarze Tinte werden sie ausgeschwemmt. Zurück bleiben gewaschene Zellulosefasern. Nun wird der Brei mit Wasserstoffperoxid gebleicht. Fertig ist das Rohmaterial für die letzte Etappe.

Die Kürzel PM 3 oder PM 4 werden von den Papierwerkern geradezu liebevoll verwendet. Damit bezeichnen sie ihre Papiermaschinen. Die neueste in Schwedt ist die PM 4: seit 2004 rund um die Uhr in Betrieb, 350 Millionen Euro teuer, 150 Meter lang, drei Etagen hoch, vollautomatisch und elektronisch überwacht. Ein lärmender Riese aus Gehäusen mit Trocknern und Entwässerungssieben, aus Batterien von rotierenden Walzen und Spindeln für die fertigen Papierrollen. Sie macht Tempo. Pro Minute produziert die Maschine 1,8 Kilometer lange Papierbahnen mit acht Metern Breite. „In der Stunde sind das 50 Tonnen weißes, reißfestes, aber nicht durchscheinendes Magazinpapier für Prospekte oder Illustrierte.

„Das Ding muss laufen, laufen, laufen“ sagt der Produktionschef. Der wässerige Papierbrei wird zwischen Sieben ausgepresst, so dass er eindickt. Dann muss er zwischen Rollen hindurch, die weiteres Wasser ausquetschen – und wird schließlich durch Dampftrockner geschickt.

Ein erstes zartes Vlies entsteht. Es rast mit 120 Stundenkilometern über weitere Rollen, wird glatt gewalzt, mit Kreide geweißt und – das Finale – von zehn Walzen glänzend gebügelt. Falk Friedrich inspiziert einen Teststreifen. Er befühlt das neue Papier, als wäre es feinste Seide – und spürt winzige Unebenheiten. „Ausschuss“, sagt er knapp. Eine ganze Rolle muss zurück auf Los – zum Altpapiersilo und der Papieraufbereitung.

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