Berlin : Alufolie auf Stromleitung legte U-Bahnen und Ampeln lahm Der Wind war schuld:

Verspätete Züge und Ausfälle an 200 Kreuzungen in Berlin

Ingo Bach,Jörn Hasselmann

Hauchdünne Ursache, riesengroße Wirkung. Eine vom Sturm auf eine Hochspannungsleitung gewehte Aluminiumfolie löste gestern morgen in ganz Berlin einen Stromausfall aus. Der dauerte zwar nicht einmal eine Zehntelsekunde – und doch fielen in der ganzen Stadt 200 Ampeln teilweise stundenlang aus. Auch bei der BVG schaltete sich ein elektronisches Stellwerk in Tempelhof ab, sämtliche U-Bahn-Linien hatten deswegen am Morgen Verspätungen, hieß es in der Leitstelle. Auf der U 6 und der U 5 gab es Verzögerungen bis zu 20 Minuten, mehrere Zugfahrten fielen aus, damit der reguläre Takt wieder erreicht werden konnte.

Die größten Probleme hatten aber die Autofahrer – denn immerhin jede zehnte der 2000 Berliner Ampeln fiel aus. Und das traf nicht etwa die vielen überalterten Signalanlagen in der Stadt, sondern ausgerechnet die moderneren. Deren Steuerungscomputer sind sensibel bei Spannungsschwankungen. Die Rechner stürzen ab – und an den Ampeln leuchtet kein Licht mehr. Normalerweise seien die Computer aber so programmiert, dass sie sich nach ein oder zwei Minuten von selbst wieder hochfahren, heißt es bei der Verkehrsregelungszentrale der Polizei. Doch klappte das am Donnerstag nicht bei allen: An 30 Kreuzungen blieben die Ampeln dunkel. Techniker waren bis etwa 14.30 Uhr beschäftigt, um diese Anlagen von Hand hochzufahren. Größere Staus habe es deswegen aber nicht gegeben, heißt es bei der Verkehrszentrale. Denn für solche Fälle sind die Ampelkreuzungen mit Verkehrszeichen zur Vorfahrtsregelung ausgerüstet. Polizisten versuchten nur auf wenigen Kreuzungen, den Verkehr zu regeln, so am Spandauer Damm Ecke Sophie-Charlotten-Straße. Im Polizeipräsidium hieß es, dass dafür bei einem so flächendeckenden Ampelausfall nicht genug Personal da sei. Zudem beherrschten viele Beamte die Armbewegungen nicht mehr.

Um 8.52 Uhr hatte sich ein zehn Meter langer Folienstreifen in 15 Metern Höhe zwischen Marzahn und Neuenhagen (Landkreis Märkisch-Oderland) in einer Höchstspannungsleitung (380 Kilovolt) verfangen. Es gab einen Kurzschluss mit Lichtbogen, die aluminiumbeschichtete Folie verglühte weitgehend. Genau 80 Millisekunden dauerte es nach Bewag-Angaben, bis die defekte Leitung abgeschaltet wurde und der erforderliche Strom über andere Leitungen nach Berlin hineingeführt wurde. In diesen 80 Millisekunden kam es in ganz Berlin zu einer „Spannungsabsenkung“, von einem „Stromausfall“ will die Bewag nicht sprechen. Viele Berliner werden das auch gar nicht bemerkt oder sich nur gewundert haben, wieso Computer, Fernseher oder andere empfindliche elektronische Geräte kurzfristig in die Knie gingen. Und Firmen würden empfindliche Computer in der Regel mit „Puffern“ vor solchen kurzzeitige Spannungsabfällen schützen, sagte Bewag-Sprecherin Barbara Meifert. An eine derartige Panne durch sturmverwehte Folien kann sich bei der Bewag niemand erinnern, „in den letzten zehn Jahren gab es das nicht“, sagte Meifert. Woher die Folie stammte, sei unklar. Der Wind lässt am Wochenende nach. Heute soll er jedoch noch einmal mit Stärke vier bis fünf wehen.

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