Berlin : Alwin Bauer (Geb. 1940)

Wenn es ihm gut ging, hatte er Energie für zwei

Elisa Peppel

In seinen glücklichsten Momenten war er ganz eins mit Nora. Dann brauchte sie nur zu sagen: „Schau, jetzt!“ Und er wusste, dass sie die Blume dort meinte, die gerade ihre Blüte öffnete. In seinen schlimmsten Momenten fühlte er sich wie durch einen Strudel hinabgezogen. Dann half ihm auch die Musik nicht mehr.

Wenn es ihm gut ging, hatte Alwin Energie für zwei. Alles in ihm drängte zur Musik, schon von klein auf. Es war sein Glück, dass nach dem Krieg ein Flüchtlingspaar in seinem Elternhaus in Ingolstadt einquartiert wurde. Der Mann war Geiger und Dirigent. Wenn er spielte, setzte Alwin sich auf die Treppe und hörte zu. „Willst du auch Geige lernen?“, fragte der Mann ihn. Alwin musste nicht lange überlegen. Nach zwei Jahren Unterricht sagte sein Lehrer: „Mehr kann ich dir nicht beibringen.“ Das Ehepaar zog fort, und die Mutter erlaubte keinen weiteren Geigenunterricht. Doch Alwin wollte weiter Musik machen. Saxofon und Klarinette brachte er sich selbst bei, er gründete eine Band und spielte Unterhaltungsmusik.

Die Mutter wollte, dass ihr Junge etwas Anständiges lernte, keinen „Zigeunerberuf“. Zur Bahn sollte er wie der Vater, oder in den Elektrofachhandel. Nach der zehnten Klasse beendete er das Gymnasium und begann auf Druck der Mutter eine Lehre, die ihn unglücklich machte. Er wollte so gerne Geige studieren. Als er das der Mutter sagte, warf sie ein großes Küchenmesser nach ihm – und ließ ihn schließlich doch ziehen. Der Augsburger Professor Rudolf Koeckert hatte ihn nach einem Probespiel für seine Meisterklasse ausgewählt.

Schon während des Studiums spielte Alwin im Opern-Orchester Augsburg, später wechselte er ins Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, spielte dort unter Sergiu Celibidache. Nebenher besuchte er Dirigierkurse, leitete einen Chor und ein Orchester. Von anderen erwartete er die gleiche Hingabe und Leidenschaft für die Musik, die auch ihn antrieb. Für die, bei denen er diese Bereitschaft spürte, war er ganz da, als Lehrer, Förderer und Freund.

Doch Depressionen machten ihm immer wieder zu schaffen. Er nahm Tabletten gegen den „Kopfdruck“, wie er es nannte. Eine Therapie lehnte er ab. Er wollte seine ganze Kraft für die Arbeit. Er schwebte in anderen Sphären, weit oben, wo die Musik ihn hintrug. Für das, was ihn hinunterzog, hatte er keine Zeit.

In seinen guten Phasen konnte er ganze Gesellschaften unterhalten, war charmant und witzig. Die Frauen an seiner Seite hatten es nicht leicht, sie mussten sich ganz auf ihn einstellen, ihm Stütze und Muse zugleich sein. Diesem Anspruch waren sie nicht immer gewachsen; Alwins Ehen waren nicht von Dauer. Aber die Liebe zur Musik hielt immer.

Als die Dinge in Stuttgart an ihr Ende kamen, seine zweite Ehe war gescheitert, und mit der Rente endete auch sein Weg als Profimusiker, wollte er in Berlin einen neuen Anfang machen. Hier lebte sein jüngster Sohn, der fünfte. Er hatte das musikalische Talent des Vaters geerbt, ihm fühlte Alwin sich nah. Und es gab neue Pläne. Er wollte das größte Kiezorchester Berlins auf die Beine stellen. Er gab kostenlosen Geigenunterricht für türkische Kinder, er gründete in Charlottenburg ein Laienorchester und spielte mit seinem kleinen Ensemble auf Berliner Festen. In Berlin lernte er auch Nora kennen. Sie war stark genug, um sich nicht ganz von ihm vereinnahmen zu lassen. In den sieben Jahren ist ihre Beziehung immer harmonischer geworden, er wollte sie schließlich heiraten. Das aber blieb einer seiner großen Pläne, die er nicht verwirklichen konnte. Elisa Peppel

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