Berlin : Alwine Feld (Geb. 1922)

„Nur nie wieder missachtet sein! Das war die einzige Bedingung“

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Ach, nur een Märe“, seufzte die Großmutter bei ihrer Geburt. Nur ein Mädchen. Ein Mädchen für alles. Die Felder, das Vieh, der Stall. Acht Kühe, zwei Pferde, ein paar Schwei- ne und Hühner, der Küchengarten. Knechte und Mägde halfen mit. Einer der Knechte vergewaltigte sie im Kuhstall. Da war sie neun oder zehn. Die Eltern merkten, was geschehen war und zeigten den Knecht an. Er wurde verurteilt.

In der Schule hatte sie ihre Mühe. Aus Versagensangst begann sie zu stottern. Aber lange durfte sie ohnehin nicht lernen. Zu viel zu tun zu Hause. Früh aufstehen, den Vater anziehen, denn der war schön beleibt, über zwei Zentner. Alwine war seine Leibgardin, die Unterhose zog er noch selbst an, den Schlips band sie. Ab in den Stall, dann aufs Feld, Mittagsruhe, um die Pferde zu schonen, dann wieder aufs Feld. Aufgewachsen mit dem Gefühl: „Du kannst nur Pech haben. Du kriegst nur immer einen Nackenhieb, egal, in welcher Form.“ Sie wäre gern Friseuse geworden. Sie frisierte ihre Freundin jeden Sonntag. Sie liebte alles, was schön ist.

Eiweiler, ein kleines Bauerndorf im Saargebiet, unweit der Grenze zu Frankreich. Der Vater war der Herrscher der Familie, streng, er legte Wert auf sein Äußeres, auch in Notzeiten. „Und wenn alle vor die Hunde gehen, an mir sollen sie nichts haben.“ Die Mutter war die Dulderin, die nie aufmuckte. Der Vater hatte eine Geliebte in der Stadt, Wirtsfrau war die, jeden Dienstag, wenn er zum Handelstag nach Saarbrücken fuhr, sah er sie, aber sie durfte auch ins Haus kommen. Im Herzen hat er sie als seine Frau betrachtet. Was für die Mutter eine Qual war. Sie gebar ihm dennoch vier Kinder. Sie war schlechte Behandlung von klein auf gewöhnt. Aber das meiste Geld, das gab er der zweiten Frau in der Stadt, die eigentlich die erste war.

Eine gute Zeit damals im saarländischen Grenzland, es gab viel zu verdienen, der Westwall gegen Frankreich wurde errichtet, Fuhrdienste waren nötig. Der Vater schaffte drei neue Pferde an. Zwei Autos kamen später noch hinzu, ein kleines prosperierendes Fuhrgeschäft. Daneben der Handel mit Düngemittel und Saatgut, die kleine Landwirtschaft. Martialische Lieder wurden damals bei der Feldarbeit gesungen: „Im Kessel, da lag der Vater im Blut, kein Mensch, der ihn verbinden tut. Er schrie nach dem Weib, er schrie nach den Kindern, doch rasch kam der Tod, seine Schmerzen zu lindern.“ Der Vater sang es mit Inbrunst, der Sohn wollte es ihm nachtun als Soldat und starb im Krieg.

Alwine hatte genug. „Als ich wusste, was ich nicht wollte, hat es geklappt. Ich konnte etwas tun.“ Aber wie? Die Bewerber hielten sich fern, weil die häuslichen Angelegenheiten so anrüchig waren. Auch wenn der Vater ein kleines Vermögen schuf und gut verdiente am Krieg. Nazi war er keiner, aber er hat gern mit den Nazis Geschäfte gemacht. Die Soldaten mussten ja versorgt werden, es wurde mehr getrunken, gegessen. Und Alwine – kein Geld, keine Aussteuer, keine Zukunft. Bis sie einen Mann fand, der sie dennoch nahm, achtzehn Jahre älter, Spätheimkehrer, im Herbst 1948 war das. August stammte aus gutem Haus, Witwer, im Krieg war er bei der SS gewesen, aber darüber wurde nicht gesprochen.

„Na ja, die große Liebe war es nicht! Aber es reichte zu einer Vernunftehe.“ Er war alt, gebrechlich, hatte einen Herzfehler, aber er war der erste Mann, der gut zu ihr war und sie nicht als Leibeigene sah. Ein Schaffer war er, ein kleines Bergwerk hatte er betrieben, dann ein Schwimmbad, einen Kohlenbruch, einen Fuhrdienst. Und er baute ein Haus für Alwine, ein Architekt hatte es ihm in der Gefangenschaft geplant. Ihr Haus, in dem sie zum ersten Mal sie selbst sein konnte. „Nur nie wieder missachtet sein! Das war die einzige Bedingung, die rote Linie, die ich mir selbst gezogen hatte.“

Ihr Mann war findig. Sie übernahmen eine Gaststätte. Die Attraktion: der Fernsehapparat. Dann die halbautomatische Kegelbahn, die Glücksspielautomaten. Wenn Gäste aufdringlich wurden, gab es eine mit dem Ochsenziemer. Ihr Mann konnte brutal sein, und sehr großzügig. Wenn einer die Hand gegen seine Frau hob, wurde er zusammengeschlagen. Aber er misshandelte auch seinen Sohn, schikanierte die Tochter. Neun Jahre war er im Krieg und in der Gefangenschaft gewesen. Mit Kindern konnte er nicht umgehen. „Er hat mich in sein Leben einbezogen und mich doch ganz draußen gehalten.“ Ein Mensch kann vielerlei auf einmal sein. „Alles ist doppelgesichtig.“

Der Sohn fragte sie später einmal, wie sie das ohne Therapeuten überleben konnte. „Mein Therapeut war der Garten. Da hab ich mich vergraben und verbissen. Da hab ich meinen Kummer und meine Wut ausgelassen. Damals legte man sich nicht auf die Couch, machte keine Therapie – von wegen! Mit dem Spaten hab ich mir geholfen, hab das Land urbar gemacht, Erdbeeren, Gurken gepflanzt – und verewigte mich so. Jetzt ist alles passé. Die Ewigkeit war begrenzt.“

Einmal nahm sie das Geld aus der Kasse und ging. Nur um ihm zu zeigen, dass sie den Mut hatte. Da verstand er. „Geld, das war sein Heiligtum.“ Und die Familie. Als der Sohn sie fragte, „Mutter, musste denn mein Vater in der SS sein?“, da antwortete sie nur: „Ach Kind, das kannst du gar nicht nachvollziehen.“

Die Arbeit mit der Gaststätte wurde zu viel. Also kaufte August eine Chemische Reinigung. Hemdendienst, Schuhedienst, Kragen- und Manschettenerneuerung – und hatte von nichts eine Ahnung. Irgendwie brachten sie das Geschäft dennoch zum Laufen, aber es kostete Kraft. Im Sommer 1961 starb August, Alwine wurde mit 39 Jahren Witwe. Aus Loyalität ihrem Mann gegenüber erlaubte sie sich keinen Liebhaber, was die anderen Frauen ihr nicht so recht glauben wollten. Sie wurde gemieden. „Ich arbeite, ich halte durch, ich setze mich durch, ich schaffe das. Dir soll es nicht gehen wie deiner Mutter.“ Das war der Schwur, der sie am Leben hielt. „Meine Unabhängigkeit und Würde habe ich seitdem nie mehr verloren.“

Alwine blieb ohne Mann, „über mir duldete ich niemanden mehr.“ Sie war alleinerziehende Mutter und Inhaberin eines mittelständischen Betriebes. Was nicht einfach war. „Die Kinder waren seinerzeit Linke geworden.“ Ruppige Auseinandersetzungen, denn sie selbst wollte einfach nicht „progressiv“ werden, wie es die Kinder forderten. Ja, sie machte Handarbeiten und das auch gern, aber sie war auch die einzige Frau in der Handwerkervereinigung. Unbeirrt fuhr sie immer wieder nach Berlin zu Sohn und Tochter. „Mit Plätzchen und hausgemachter Wurst kam ich Weihnachten da an, verwöhnte sie nach alter Art.“

Sie lernten sich auseinanderzusetzen. Auch über die Vergangenheit des Vaters. Als Eugen Kogon, der Verfasser des Buchs „Der SS-Staat“ einmal im Fernsehen zu sehen war, meinte August Feld: „Das ist ein Kumpel von mir.“ Wie zynisch! Aber es war die Wahrheit. Jeder kann es bei Kogon nachlesen. Als Kurier des Waffen-SS-Hygieneinstituts hat dieser Unterscharführer „ohne jede Gegenleistung, aus reiner Menschlichkeit“ alles getan, um den Häftlingen zu helfen. „Er hat in den letzten Tagen des Lagers Buchenwald sein Leben für uns riskiert.“ Als Kogon selbst auf die Todeskandidatenliste kam, hat ihn August Feld in einer Kiste per Lastwagen aus dem Konzentrationslager geschmuggelt. Dennoch musste er in Gefangenschaft, was er nie verstand. Warum hat er über all das geschwiegen? „Seine Erfahrungen passten nicht in die kleine normale Welt, in der wir zu leben versuchten.“

Aber so klein blieb ihre Welt nicht mehr nach dem Tod ihres Mannes. Sie suchte sich neue Freundinnen, ging auf Reisen. „Denn meine Sehnsucht war groß.“ Und sie erzählte ihr Leben, ein Buch sollte daraus werden, aufgeschrieben hat es Dörthe Kähler. Die wichtigste Lektion darin: „Mein Gott, wie ist das Leben doch so contra.“

Alwine wagte noch einmal den Sprung und zog zu ihren Kindern in die Hauptstadt. In Berlin musste sie hochdeutsch sprechen, nach fast 90 Jahren, geborgen im Dialekt. Plötzlich war sie mitten im Zentrum des Geschehens, aber gänzlich unaufgeregt: „Mich kratzt nichts, egal was sich abspielt. Ich weiß, wer ich bin.“ Den Satz brachte sie stolz vor und auf Hochdeutsch. Sie hatte ihre Kinder, zu denen sich wieder die Nähe fand. Sie hatte sich selbst, und sie hatte ihre Bücher. „Schicksalsbücher – die sind meine Welt!“ Geschichten aus dem Leben fürs Leben. „So ein Text wird einem zur Weisung. Zum Wegweiser. Das bin ich.“ Aber kaum eine Geschichte hat so ein schönes Happy End wie ihre Geschichte: „Ich habe leben gelernt, ganz von allein.“

Das Buch: Alwine Feld, Dörte Kähler: "Ich weiß, wer ich bin. Die Geschichte einer Saarländerin" Rainstein-Verlag, 22,90 €. ISBN: 978-3-940634-19-1

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