• Am 9. November 1989 wurden in den Stunden des Mauerfalls Vanessa im Ostteil und Leif in West-Berlin geboren - Die Begriffe Ossi oder Wessi bedeuten nichts für sie

Berlin : Am 9. November 1989 wurden in den Stunden des Mauerfalls Vanessa im Ostteil und Leif in West-Berlin geboren - Die Begriffe Ossi oder Wessi bedeuten nichts für sie

Rene Althammer

Lebenswende Mauerfall - unter diesem Motto hat das das ARD-Fernseh-Magazin Kontraste gemeinsam mit dem Tagespiegel und dem Info-Radio Berlin Brandenburg Menschen gesucht, für die sich vor zehn Jahren in einer einzigen Novembernacht das ganze Leben änderte. Viele Berliner haben uns ihre Erlebnisse geschildert. Kontraste-Reporter haben einige von ihnen besucht. Daraus ist eine sechsteilige Fernsehserie für den SFB entstanden. Die Autoren der Filme haben ihre Geschichten für den Tagesspiegel aufgeschrieben.

"Die Mauer" meint die 9jährige Vanessa,"war bestimmt so altmodisch und braun". Dann präzisiert sie: "hellbraun". Der nur einige Stunden ältere Leif aus Reinickendorf glaubt, daß "wir mit denen einen Kampf hatten". Jedenfalls hat er das mal gehört.

Was die Mauer war, wie sie die Stadt in zwei Hälften geteilt hat, das können sich die beiden Kinder nicht vorstellen. Obwohl ihr Leben doch unzertrennlich mit der Mauer verbunden sein wird, wenn auch nur mit ihrem Fall. Denn der Tag, an dem Vanessa und Leif das Licht der Welt erblickten, war der Tag, an dem die Mauer fiel. Geboren am 9. November 1989.

Leif kommt in der Charlottenburger Pulsklinik zur Welt. Während im DDR-Innenministerium in der Mauerstraße eine Arbeitsgruppe über der neuen Reiseregelung brütet, liegt Anja Schroeder-Richter schon im Kreißsaal. Eine komplizierte Geburt, Steißlage, die Ärzte entschließen sich zum Kaiserschnitt. Anja Schroeder-Richter bekommt eine Narkose, um 10 Uhr 21 Uhr kommt Leif auf die Welt.

Grit Hentrich läßt sich morgens von einem Bekannten ins Krankenhaus Köpenick fahren. Eigentlich hätte sie schon vier Tage früher entbinden sollen, aber das Baby läßt sich Zeit. An diesem Tag beschließen die Ärzte, daß die junge Mutter im Krankenhaus bleiben soll. Grit Hentrich wartet Stunde um Stunde.

Einige Kilometer weiter, in Mitte tagt das Zentralkomitee der SED. Um 18 Uhr beginnt die anschließende Pressekonferenz in der Mohrenstraße. Während Günter Schabowski den versammelten Journalisten eher belanglose Informationen aus dem Zentrum der Macht zum Besten gibt, wird Vanessa um 18 Uhr 35 Uhr entbunden. Noch ist sie ein Kind des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden. Zwanzig Minuten später steht ihr die Welt offen, ist die DDR schon ein Staat in Abwicklung. Schabowski verkündet die sofortige Reisefreiheit für jeden DDR-Bürger.

Gegen 21 Uhr hat die Neuigkeit die Hebammen und Schwestern im Krankenhaus Köpenick erreicht. Aufgeregt rennen sie durch die Gänge und verkünden das Unvorstellbare: Die Mauer ist gefallen.

Der zwanzigjährige Heiko Schwabe, frischgebackener Vater, weiß noch heute, daß er mit dieser Neuigkeit nichts anfangen konnte. Sein erstes Kind nimmt ihn völlig gefangen. Erst später erfährt er, daß ein Freund während dieser Nacht wild an seine Tür hämmert, ihn mitnehmen will an die Grenze. Aber Heiko Schwabe schläft tief, fest und glücklich.

Was in diesen Stunden geschehen ist, begreift er erst am nächsten Tag, als die Arbeitskollegen sich morgens auf den Weg machen - nach Westberlin.

Anja Schroeder-Richter steht noch den ganzen Freitag unter dem Einfluß von Narkose und Schmerzmitteln. Ihr Mann kümmert sich um den Haushalt und die zwei älteren Söhne. Während tausende Ostberliner die Westberliner City überschwemmen, herrscht in der Charlottenburger Klinik tiefe Stille. "Das Krankenhaus hat so Abseits gelegen, dass ich überhaut nichts von dieser Euphorie mitbekommen habe. Das war genauso ruhig wie immer."

Zehn Jahre später. Leif geht in die vierte Klasse der Till-Eulenspiegel-Schule in Reinickendorf, Vanessa in die dritte Klasse der Gingko-Schule in Johannisthal. Geboren am 9. November 1989 sind sie die ersten Berliner Kinder, die nach Jahrzehnten der Teilung ohne Mauer aufwachsen. Ossi, Wessi, die Novemberkinder können mit diesen Begriffen wenig anfangen. Was unterscheidet den Wessi vom Ossi?, Leif stutzt kurz, eigentlich nur, daß er woanders geboren wurde. Kinderweisheit. Vanessa hingegen ist sich sicher, dass sie ein Wessi war, aber nur kurz, denn die Mauer gibt es ja nicht mehr. Dass sie sich da gründlich irrt, findet sie eher lustig.

Heiko Schwabe arbeitet als Installateur in Mariendorf. Im Alltag verschwimmen die Ost-West-Unterschiede, zwischen Kollegen spielen sie keine Rolle mehr. Dennoch, auch er kennt ihn, den typischen Wessi, der viel erzählt und alles kann, wenn auch meist nur mit dem Mund.

Die Westberlinerin Anja Schroeder-Richter vermisst bei den Ostdeutschen die Selbständigkeit, meint, daß die Ostler immer noch einen Anstoß brauchen.

Nach dem Mauerfall hat Leifs Mutter viele neue Freundschaften in Ostberlin gefunden. Die Menschen seien herzlicher, wärmer im Umgang miteinander, das unterscheide sie von vielen Westlern.

Vanessa und ihre Eltern wohnen in einer Eigentumswohnung. Für die Ostberliner Familie kam die Wende zur rechten Zeit. Grit Hentrich und Heiko Schwabe waren jung genug, um trotz Verlust ihres Arbeitsplatzes neu anzufangen. Beide haben eine Umschulung hinter sich und Arbeit. Die alte Sicherheit ist das nicht, aber ihre Zukunft sehen sie trotzdem optimistisch. Man muss sich rühren, meint Grit Hentrich, von nichts kommt nichts. Ostalgiegefühle haben die beiden keine. Sie sind froh, ihrem Kind nicht erklären zu müssen, dass "es eine Tante hat, da drüben, die es nicht besuchen darf."

Obwohl die Westberlinerin Anja Schroeder-Richter wie viele andere auch durch den Wegfall der Berlin-Vergünstigungen materiell große Verluste hinnehmen musste, fühlt sie sich heute wohler als zu Mauer-Zeiten. Vor allem, weil sich die 36jährige noch einmal verliebt hat, in einen Mann aus dem Osten. Der sei viel familiärer als Westmänner, ist ihre Erfahrung.

Fragt man Vanessa und Leif nach ihren Träumen, spielt es keine Rolle mehr, ob sie aus dem Osten oder dem Westen kommen. Lange Haare, einen Mann und einen guten Job wünscht sich das Mädchen. Von einem Haus und einem Ferrari träumt der Junge. Wirklich wichtig ist beiden, dass sie gesund bleiben; Reichtum, Schönheit, das halten beide für unwichtig. Vielleicht gehören sie zur ersten Generation, für die Ost-West-Streitereien endgültig in die Mottenkiste gehören.Der Film "Novemberkinder - geboren am 9. November" von René Althammer läuft heute Abend um 22 Uhr 15 auf B 1 (Internet: www.kontraste.de ). Das Info-Radio sendet Geschichten zum 9. November wochentags um 7.50 Uhr und 9.50. Am Mittwoch im Tagesspiegel und auf B 1: "Lebenswende Mauerfall - Eine Freundschaft, die nie zerbrach".

Zum Autor: René Althammer wurde 1963 in Ost-Berlin geboren. Als die Mauer fiel, hat er tief und fest geschlafen. Seit 1995 arbeitet er als Reporter für das ARD-Magazin Kontraste.

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