Berlin : Am Anfang stand der Kampf gegen Frauenhandel - Heute kommen meist Obdachlose

Nora Damme

Wer am Bahnhof Zoo den Hinterausgang benutzt, hat dafür seine Gründe. Oft genug sind es Menschen auf dem Weg zur Bahnhofsmission. Bis zu 400 Mal am Tag und rund um die Uhr finden dort "Menschen unterwegs" Hilfe. Ost sind es Reisende, in der Mehrzahl aber Gestrandete der Gesellschaft, die in der Mission Hilfe suchen. Schnell und unproblematisch ist manche kleine Katastrophe entschärft, berichtet der ehrenamtliche Mitarbeiter Reza Sorki. Blinde und Gebrechliche werden am Bahnsteig abgeholt. Bei verlorener oder gestohlener Geldbörse kann man von dort telefonieren. Wer den Zug verpasst hat, verbringt die Wartezeit bei einem Tee oder Kaffee in den Missionsräumen. Für 20 Mark kann auch in einem der 17 Betten übernachtet werden. Für Obdachlose ist das viel zu teuer; sie werden meist auf andere Heime verwiesen. Nachdem am frühen Morgen Essensspenden von Bäckereien, Händlern und der "Berliner Tafel" verteilt wurden und die 17 Betten frisch bezogen sind, ist vorerst Ruhe eingekehrt. Nur ein junger Armenier und seine schwangere Freundin, die die Nacht hier verbracht haben, warten auf einen Zug. Ihre Hoffnungen auf Asyl haben sich zerschlagen.

Vor 100 Jahren waren es die Scharen von jungen Mädchen und Frauen, die in der Großstadt Berlin auf Lohn und Brot hofften. Ihre Naivität wurde von Kupplerinnen und Zuhältern ausgenutzt, die sie in die Prostitution und in ausbeuterische Tätigkeiten vermittelten. Auf die Initiative wohlhabender Damen kam es Anfang 1900 zur Gründung der katholischen Bahnhofsmission in Berlin, wo die Mädchen nicht nur vorübergehend unterkamen, sondern oft auch in sichere Stellen vermittelt wurden. Ein Spiegelbild der deutschen Geschichte blieb die Bahnhofsmission auch in den letzten Jahrzehnten: Flüchtlinge und Gastarbeiter wurden hier versorgt. Heute machen vor allem Stricher, Straßenkinder und Wohnungslose vom Angebot Gebrauch, hat die Leiterin der Mission am Zoo, Helga Fritz, festgestellt. "Menschen, die die Gesellschaft eigentlich verdrängen will und die doch zum Bahnhof gehören." Ihnen ist meist nicht so schnell geholfen. Doch mehr als eine Essens- oder Kleiderspende und ein Gespräch kann die Mission, die heute von der evangelischen und der katholischen Kirche getragen wird, nicht leisten. "Wir ermutigen sie, selbst etwas zu tun und vermitteln Hilfsangebote", beschreibt Fritz. Ehrenamtliche, oftmals selbst Hilfesuchende, unterstützen die elf Mitarbeiter und fünf Zivis am Zoo.

Im Zeitalter der zunehmenden Vermarktung der Bahnhöfe unter dem Motto "Sicherheit, Sauberkeit, Service" sind diese Randgruppen dort nicht gern gesehen. Dennoch stellt die Deutsche Bahn AG kostenlos Räume zur Verfügung und übernimmt die Energiekosten. Das Missionieren stehe zwar nicht mehr im Vordergrund, doch Zeit für Gespräche sei immer noch von Bedeutung, sagte Caritas-Rektor Stefan Dybowski in seiner Festrede zum Jubiläum. Als eine Einrichtung für verschiedenste Zielgruppen vom Jugendlichen bis zum Behinderten erfülle die Bahnhofsmission zudem alle Anforderungen der modernen Gesellschaft: Flexibilität und Improvisation.

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