Berlin : Am Anfang war nur ein Loch in der Mauer

Am Potsdamer Platz war 1989 nur eine Ödnis – wie das neue Zentrum wuchs, hat die Chronistin der Wende berichtet

Walter Momper

Der Autor war von 1989 bis 1991 Regierender Bürgermeister von Berlin.

An Brigitte Grunert kommt keiner vorbei. Wer in der Berliner Politik etwas werden wollte, musste Frau Grunert kennen. Das war jahrzehntelang so. Und es war für Politiker oft eine harte Schule. Denn Brigitte Grunert macht Journalismus bester Sorte: präzis, unerbittlich und hartnäckig fragend, konsequent überparteilich, kritisch, gnadenlos gegenüber Geschwafel. Immer ging es um Ross und Reiter. Politische Nebelkerzen blieben wirkungslos, wenn Brigitte Grunert anwesend war.

Und Frau Grunert war immer dabei, – jedenfalls bei allem, was wirklich Bedeutung hatte. . .

Etwa am 12. November 1989. Ein Sonntagmorgen auf dem Potsdamer Platz. Noch stand hier, wo jetzt das neue Zentrum der Stadt ist, auf einer weiten Brachfläche nur die Mauer. Nachts hatten Arbeitstrupps die Mauersegmente gelockert, auf beiden Seiten in hektischer Eile Straßenanschlüsse gebaut. Für 8 Uhr war die Eröffnung des neuen Übergangs vorgesehen, die ich als Regierender Bürgermeister mit meinem Ost-Berliner Amtskollegen Erhard Krack vornehmen sollte.

Als ich eintraf, war das Loch in der Mauer schon fast zehn Meter breit. Tausende von Schaulustigen bevölkerten die Szene. Oberbürgermeister Erhard Krack kam mit einem Pulk von Journalisten langsam aus dem Osten heran. Genau dort, wo vor wenigen Stunden noch die Mauer gestanden hatte, gaben wir uns die Hand. Ich sagte: „Hier am Potsdamer Platz war das alte Herz Berlins. Dieses Herz wird jetzt wieder schlagen." „Und wir werden in guter Nachbarschaft und Freundschaft leben", erwiderte Erhard Krack.

Dann ging ein Jubelschrei durch die Menge: Hunderte Ost-Berliner rannten auf den Übergang zu. Jetzt gab es auch auf westlicher Seite kein Halten mehr. Brigitte Grunert hat darüber berichtet.

Damals hatte die Stadt nur eine Chance: eine offensive Politik der Gewerbe- und Industrieansiedlung. Das setzte allerdings auch eine Änderung der innerstädtischen politischen Prioritäten voraus. Neue, intelligente Ansätze waren gefragt, um die ökologischen Erfordernisse mit den Bedingungen einer wachsenden Ökonomie in Einklang zu bringen. Die Zukunft der Brachflächen am Potsdamer Platz war innerhalb des damaligen rot-grünen Senats heftig umstritten. Der Verkauf des Geländes für die neue Konzernzentrale von Daimler Benz, eine der wichtigsten zukunftsweisenden Entscheidungen damals, musste gegen den Koalitionspartner, die Alternative Liste (AL), durchgesetzt werden.

Auch darüber hat Brigitte Grunert berichtet. Natürlich hat mir nicht alles gefallen, was sie schrieb und der Tagesspiegel druckte. Schlimm, wenn es anders wäre. Die erforderliche kritische Distanz zum Parlament und zu den Abgeordneten hat sie immer bewahrt. Das diente der Sache. Denn: Auch wenn sie aufeinander angewiesen sind, brauchen Journalisten und Politiker Abstand voneinander, um ihre Positionen einnehmen zu können.

In die politische Diskussion hat das, was Brigitte Grunert schreibt, immer Bewegung gebracht. Berlin und sein Parlament haben - vor und „hinter den Kulissen" - davon profitiert. Wir haben zu danken.

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