Berlin : Am Bauzaun vor dem Tore

Auf dem Pariser Platz wird überall gebuddelt – für US-Botschaft, Akademie der Künste und U 55

Lothar Heinke

Der Pariser Platz – die gute Stube Berlins? Das war einmal, und das wird auch wieder. Später. Jetzt ist er eine Bau- und Schaustelle. „Man hört und sieht eben, dass sich hier ständig alles verändert“, sagt ein Mann, der aus dem Adlon kommt. Er ist leicht genervt. Die Bagger kreischen, Meißel krachen in den Asphalt, es staubt und scheppert, wenn Maschinen Stahlträger in die Erde rammen. Dabei ist das nur der Anfang: „Im Oktober geht’s richtig los“, sagt Detlef Cassube, der Polier, der wie ein Kapitän vom Obergeschoss seines Baucontainers auf den abgezäunten und umgewühlten Mittelstreifen im westlichsten Teil der „Linden“ blickt.

Hier wie gegenüber vor dem Europa-Haus werden Kabel, Gas- und Wasserleitungen aus der Erde geholt und verlegt, damit die BVG ab Oktober mit ungleich größerer Technik mit dem Bau einer Station für die U 55 zum Lehrter Bahnhof beginnen kann – viel Aufwand für einen eingleisigen Shuttle-Verkehr, für den die BVG 6400 Fahrgäste pro Tag prognostiziert. So steht es am Bauzaun. „Kein Geld, aber eine Kanzler-U-Bahn“, empört sich eine Frau. Ihr Mann beruhigt sie: „Das ist bloß der Anfang, von hier geht’s später zum Alex.“ Und dann rechnet die BVG mit 155 000 Fahrgästen täglich. „Aber das erleben wir nicht mehr“, sagt der Mann, „hier steht: Fertigstellung 2015“. Die Frau ergänzt bissig: „Also 2020.“

Die Touristen umkurven die beiden Baustellen vor dem Adlon und am Europäischen Haus – oder sie geraten durch eine Lücke genau auf den Bau, aber darüber regt sich hier niemand auf, im Gegenteil. Die Bauarbeiter und die Sätze auf den Zäunen geben bereitwillig Auskunft, was hier und demnächst auch vor der Ungarischen Botschaft weiter östlich Unter den Linden geschieht. „Wahnsinn“, sagt ein Gast aus Görlitz, „hier kann man kommen, wann man will – gebaut wird immer.“ Und er fragt den Einheimischen: „Wollt ihr denn nie fertig werden?“

Links vom Tor scheppert plötzlich ein riesiges blaues Großlochbohrgerät und bereitet den Boden vor, damit neun Meter lange Stahlträger als Spundwände am Baurand im märkischen Sand (und im Grundwasser) verschwinden. Kipper und Bagger beherrschen das Baugelände der künftigen US-Botschaft. Vor einem Jahr standen hier noch die Buddy-Bären, jetzt wird der Boden umgewühlt und ausgeschachtet, drei Meter tief, im Oktober soll mit dem Bau begonnen werden. Die Grundmauern der alten Botschaft, deren Reste von diesem Ort 1957 abgeräumt worden waren, kommen ans Tageslicht, ebenso Stahlrohre und -träger.

Zwei Häuser weiter ist die neue Akademie der Künste fast voll verglast – gerade wird die letzte Scheibe eingesetzt. Sie wiegt zehn Zentner. In den leeren Sälen beginnt der Innenausbau, denn die Eröffnung naht – im Mai 2005 soll es endlich so weit sein, schon im Februar steht die Übergabe an die Akademie auf dem Programm.

Das Glashaus der Künste wirkt wie ein Schutzwall gegen den Lärm auf der Rückseite: Die Behrenstraße wird teilweise aufgerissen und neben den nächsten Bauplatz verschwenkt – das Holocaust-Mahnmal.

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