Berlin : Am Drücker

Flip-Flops, Wanderschuhe, Schwimmflossen – der Sommer macht Fußweh. Zeit für eine Reflexzonenmassage. Tausende Nervenrezeptoren liegen auf der Sohle. Was tut sich, wenn man da drückt?

Wiebke Heiss

Sie tragen den Menschen in einem Leben so weit, dass es für vier Märsche um den Globus reichen würde. Und trotzdem werden sie kaum beachtet. Füße sind vernachlässigte Körperteile – es sei denn, sie fangen an zu schmerzen. Wie an heißen Sommertagen, wenn die Beine und Füße anschwellen und die Schuhe plötzlich zu eng sind. Dann hilft nur noch Zehenkneten und Sohlenmassage – und, jeder kennt es: Das entspannt den ganzen Körper.

„Dass ein Massieren der Füße so extrem angenehm ist, das mag an den vielen Propriorezeptoren in den Fußsohlen liegen“, vermutet Anett Reißhauer, Ärztin an der Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Charité. Diese winzigen Sinnessensoren sitzen auf der Haut, in den Sehnen, im Ohr. Sie informieren Muskeln darüber, wo und in welcher Stellung sich der Mensch im Raum befindet, damit wir nicht umkippen. An den Füßen ist das besonders wichtig, denn dort ertasten die Rezeptoren, wie der Untergrund beschaffen ist – flach, steinig, matschig.

„Auf dem Gesicht, den Händen und Füßen kommen die Rezeptoren in besonders großen Mengen vor“, sagt Anett Reißhauer. Anders als für Gesicht und Hände sind Reizempfindungen für Füße aber etwas ganz Besonderes – sie bekommen nicht viel davon, im Schuh. Die Fußsensoren des modernen Menschen sind sozusagen vernachlässigt worden. Werden sie stimuliert, erreicht das über Ereigniskaskaden im Körper möglicherweise viele Muskeln. Fängt man es profesionell an, soll das sogar einen therapeutischen Effekt erzielen: mit einer so genannten Fußreflexzonenmassage.

Reflexzonen gibt es überall im Körper. Sie sind über Nerven mit einem bestimmten Organ oder Gewebe verbunden und kommen im Bindegewebe, im Muskel oder auf der Haut vor. „Hat ein Patient zum Beispiel Probleme mit dem Magen, kann auch die Hautregion unterhalb der linken Schulter extrem empfindlich werden“, sagt Andreas Eilers, Masseur in der Physikalischen Therapie an der Klinik für Neurologie in Neukölln. „Stimuliert man dort die Nerven der Haut, kann das wiederum einen Effekt auf den Magen haben, zum Beispiel, dass er stärker durchblutet wird.“ Wie genau das funktioniert, ist zwar unklar, aber „die Nerven zwischen Reflexzone und korrespondierendem Organ sind anatomisch nachweisbar“, sagt der Masseur.

Bei der Fußreflexzonentherapie ist das noch ein wenig anders – wie anders, weiß man allerdings noch nicht, denn Fußreflexzonen sind immer noch mehr Rätsel als Wissenschaft. „Verbindungen von den Fußsohlen zu inneren Organen sind nicht nachzuweisen“, stellt Anett Reißhauer klar. Die Theorie hinter dieser Massage stützt sich auf Beobachtungen, angefangen mit denen des Arztes William H. Fitzgerald, der die erste Fußreflexzonenkarte entworfen hat. Der Amerikaner hatte Anfang des 20. Jahrhunderts indianische Naturvölker studiert und beobachtet, dass einige Indianer bei inneren Schmerzen begannen, bestimmte Stellen am Fuß zu massieren.

Seine allererste Zonenkarte ist über die Jahrzehnte mehrfach überarbeitet worden, und das geschieht immer noch, „so alle zehn bis 15 Jahre“, sagt Eilers. Nahm die Blase vor Jahren noch einen relativ großen Bereich ein, hockt sie nun auf einem kleinen Fleck vor der Ferse. „Nach den alten Zonen stellten wir immer wieder Blaseninfektionen bei Frauen fest, die aber gar keine hatten. Diese Frauen litten tatsächlich an Hormonproblemen.“ Die Karte wurde korrigiert, der Blasenbereich verkleinert und der „Hormonbezugsbereich“ hinzugefügt.

Mittlerweile stellen sich Spezialisten den Fuß von der Seite betrachtet als sitzenden Menschen vor: Der Kopf befindet sich in den Zehen, das Becken in der Ferse. So rutscht die Brust auf den Fußrücken, und das Gehirn passt auf die Unterseite des großen Onkels. Das Herz findet Platz nur unterm linken Standbein, Niere und Dünndarm überlappen sich in der Wölbung der Sohleninnenseite. Während einer Fußreflexzonentherapie drückt der Therapeut auf die verschiedenen Bereiche. Tut dem Patienten etwas weh, dann soll das zugehörige Organ belastet sein. Über die Reflexpunkte soll der Masseur dann Einfluss auf erkrankte Organe nehmen können. Bei einer Mittelohrentzündung massiert er zum Beispiel den vierten Zeh – der Sitz des Ohres.

Ob das nun wirklich funktioniert oder nicht – damit haben sich mittlerweile mehrere kleine Studien beschäftigt. Sie kommen allerdings zu widersprüchlichen Ergebnissen. An der Universität von Leeds in England wurden 34 Patienten mit Reizdarm behandelt. Eine Hälfte der Patienten wurde gemäß der Fußreflexzonen an den Darmpunkten massiert, die anderen erhielten eine unspezifische Massage. In beiden Gruppen gab es keine wirkliche Besserung. Eine andere Studie an der Universitätsklinik für Innere Medizin in Innsbruck hingegen wies nach, dass nach einer Stimulation der Nierenzone am Fuß die Nierenarterie besser durchblutet wurde.

„Es ist eine problematische Angelegenheit“, sagt Anett Reißhauer. Aber die Fußreflexzonentherapie sei ein extrem angenehmes Erlebnis für die Patienten, „und wenn allein dadurch die Befindlichkeit gesteigert wird, dann ist es gut so“. Das denken auch andere Mediziner, die trotz fehlender wissenschaftlicher Beweise Erfolge erzielen. Und so kommt die Fußreflexzonentherapie nicht mehr nur beim Heilpraktiker zum Einsatz, sonder auch in Kliniken und Rehabilitationszentren, in Kombination mit schulmedizinischen Behandlungen für Niere, Darm und Wirbelsäule, aber auch in der Schmerztherapie.

Selbst Hand anzulegen, davon rät Masseur Eilers allerdings ab. Und auch von speziellen Reflexzonen-Einlagen für Schuhe, die es zu kaufen gibt. „Damit werden bestimmte Punkte ständig stimuliert und so möglicherweise zu sehr.“

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