Berlin : Am Ende des Kosmos

Wenn heute die letzten Filme im Kino an der Karl-Marx-Allee laufen, werden viele Filmfans heimatlos

Lothar Heinke

„Dreihundertfünfzigmal!“, sagt er triumphierend zum Kartenverkäufer, „so oft war ich hier!“ Michael Niedermaier, der Banker aus dem Pfälzer Wald, der seit zwölf Jahren in Berlin arbeitet und in Potsdam wohnt, hat Buch geführt: „Das Kosmos ist Teil meines Lebens, immer montags war unser Kinotag, zehn Jahre und mehr, Rang, 2. Reihe, Platz 13/14.“ Nun nimmt er Abschied von den blauen Sesseln, der gewellten Decke, dem Glitzervorhang und dem vertrauten Gong. Heute Abend gehen, wie berichtet, im größten Ost-Berliner Kino die Lichter aus in der gestrigen Ausgabe berichtet).

Das vom Architekten Josef Kaiser (der auch das „Café Moskau“ im neuen Teil der Karl-Marx-Allee entworfen hatte) geplante größte Uraufführungskino der DDR mit 1001 Plätzen wirkte in seiner ovalen Form mit der hellen Keramik-Glas-Verkleidung wie ein Fremdkörper im Zuckerbäckerumfeld der Allee. In dem 1962 eröffneten Kino-Ei mit dem damals sehr modischen Himmelsstürmer-Namen wurden – wie auch im „Colosseum“ und im „International“ – die meisten Filme uraufgeführt, vielleicht nicht so glamourös wie heute, aber festlich und mit der spannenden Frage, wie der Streifen vom Publikum begrüßt wird – mit befreiendem Beifall oder mit Empörung bei engstirnigen Ideologen. Hier wurde „Paul und Paula“ bejubelt oder lange vorher Erwin Geschonnecks Kalle in Frank Beyers Lustspiel „Karbid und Sauerampfer“, zu dem übrigens Hans Oliva-Hagen, der Vater von Nina Hagen, das Drehbuch geschrieben hatte. Im Kino Kosmos lief alle Jahre wieder eine „Woche des sowjetischen Films“; zu Zeiten von Glasnost und Perestroika wurde das Kino zu einem kleinen Wallfahrtsort all jener, die von Gorbatschows Gegenwartsfilmern „das Neue“ erhofften. Im Kino gab’s auch Konzerte und Jugendweihefeiern – möglich, dass manches wiederkommt mit dem neuen Betreiber, nur eben nicht Kino.

Daniel Pietzsch, einer der freundlichen Filmvorführer, der nun wie alle seine 26 Kollegen einen neuen Job sucht, hat auf sein schwarzes T-Shirt den frommen Wunsch „Kosmos muss Kino bleiben“ gedruckt. Zu spät. Er zeigt uns eine Fotogalerie, die sein Kollege Ralf Krämer bestückt hat – Höhepunkte der letzten Jahre nach dem Umbau, als zu dem einen Kosmos-Kino noch neun Leinwände und mehrere moderne „Telleranlagen“ mit ihren Vorführapparaturen hinzugekommen sind. Da erinnern uns die aktuellen Leinwandgrößen daran, dass sich die Filmfestspiele 1990, also kurz nach der friedlichen Revolution, zum ersten Mal im Osten präsentierten, hier in der Karl-Marx-Allee, wo sie nun die Werbebilder aus den großen Vitrinen genommen haben.

An wen kann sich Daniel Pietzsch, der 1977 hier als „Jugendweihling“ auf der Bühne stand, erinnern? An Julia Roberts, Tom Cruise, Bruce Willies, Michael Douglas, an Egon Olsen mit seiner -Bande, Til Schweiger, Heiner Carow, Otto. Und Peter Ustinov, schon im Rollstuhl bei der Premiere von „Luther“. „Sixth Sense“ hatte Europa-Premiere, Roland Emmerich präsentierte hier seinen „Day after tomorrow“, „Star Wars III“ war der letzte große Hammer. Einmal gab es Bombenalarm wegen eines herrenlosen Schuhkartons im Klo, einmal Feueralarm, und alle dachten, der gehört zum Film. „Hat Spaß gemacht“, sagt Pietzsch noch, „Film ab, Klappe zu“.

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