Berlin : Am Ende landet ja doch alles auf demselben Haufen

Am Morgen leeren Mario Frenzel und Sair Zygankow die Tonne mit dem Verpackungsabfall in ihren blauen Alba-Müllwagen. Am Mittag rollt der Lkw in eine muffige Halle in Mahlsdorf: Hier sortiert Alba den Inhalt der gelben Säcke und Tonnen von knapp fünf Millionen Menschen. Ein Radlader gräbt sich in den Haufen, den der Laster ausgeschieden hat. 550 000 Kilo schaufelt er täglich in die Trichter. Der Abfallstrom ergießt sich über ein mehrstöckiges Gewirr aus Fließbändern. Siebtrommeln sortieren die Teile nach Größe, ein Schlund saugt Folien vom Band, Magneten holen Blechdosen heraus. Alle anderen Stoffe, darunter fünf Plastiksorten, werden von Hightech- maschinen daran erkannt, wie sie Infrarotlicht reflektieren. Am Ende des Bandes pusten viele Druckluftdüsen die Teile präzise vom Band. So trennt sich PE von PP und PS von PET. Sofern nicht am Joghurtbecher hängende Aludeckel, gestapelte Teile oder recyclingtechnische Fehlkonstruktionen wie ein Seifenspender mit Metallfeder im PP-Drücker auf einem PET-Bottich die Maschinen überfordern. Zu 95 Prozent sortenrein sollen die Pakete für die Abnehmer sein. Insider bezweifeln, dass die Quote erreichbar ist. Um die Chance zu erhöhen, helfen zehn Handsortierer am Band mit konzentrierten Griffen nach.

Am Ende stehen 14 „Fraktionen“, von denen Betriebsleiter Alexander Gora zehn als „hochwertig“ bezeichnet. Sortenreines bringt Geld, während Reste kosten. Letztere dienen etwa im Zementwerk Rüdersdorf als Brennstoff. Die anderen Ballen auf dem Hof haben meist weitere Reisen vor sich: Die aus Alu, Pappe und Kunststoff zusammengesetzten Tetrapaks gehen nach Bayern und NRW, Folien nach Thüringen. Festes Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) werden nach Eisenhüttenstadt zur Aufbereitung gebracht, Poystyrol (PS) nach Premnitz. Daraus können Verkleidungen für Autos werden, Blumenkästen oder Rohre. Die zu Ballen gepressten PET-Flaschen fährt ein Lkw großteils zum Hamburger Hafen. Von dort werden sie – gemeinsam mit der Unmenge Einwegpfandflaschen – nach Asien verschifft, um eines Tages als Fleecejacken oder Sporthemden zurückzukehren. Als studierter Umwelttechniker gibt Gora zu bedenken: „Ohne diese Wiederverwertung müssten die Kleidungsstücke vielleicht aus brasilianischem Öl hergestellt werden.“ Das klingt erfreulicher als die Rechnung, die Öko-Berater Boris Demrovski von co2online aufgemacht hatte: „Eine 0,75er-Mehrwegflasche aus Glas ersetzt im Laufe ihres Lebens 27 große PET-Flaschen.“ Dabei seien Transport und Reinigung schon inklusive.

Darum, wie öko Tetrapaks sind, streitet die Deutsche Umwelthilfe mit einem Hersteller vor Gericht. Die DUH hat ermittelt, dass nur jedes dritte in Deutschland verkaufte Tetrapak recycelt werde. Von den Kunststoffen müssen laut Vorschrift nur 36 Prozent „stofflich verwertet“ werden. Insgesamt liegt die Recyclingquote bei 64 Prozent – und soll nach dem Willen der Bundesregierung bis 2020 auf 65 Prozent steigen, was Umweltverbände als schlechten Witz empfinden und Gora mit der Bemerkung kommentiert, seine Anlage schaffe bereits 70 Prozent. Also bestimmen die Preise auf dem Rohstoffmarkt, wie viele der sortierten Kunststoffe wirklich wiederverwendet und wie viele verbrannt werden.

Goras Hassobjekte sind Weihnachtsbaumnetze und Bänder aus Kassetten, denn die knebeln die Siebe und fesseln die Fließbänder. Andere „Fehlwürfe“ kann er zwar als Betriebsleiter nicht gutheißen, wohl aber als Wertstoffverkäufer: „Dem Magneten ist es egal, ob eine Konservendose vorbeikommt oder eine Bratpfanne.“ Der Unterschied: Für die Dose als Verpackung wurde vorab Lizenzgebühr bezahlt, während die Pfanne in der Gelben Tonne „schwarzfährt“. Schade um ihr altes Eisen wäre es trotzdem.

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