Berlin : Am Ende war’s mal wieder richtig Sommer

Sonnen-Saison 2002: viel heißer und schwüler – aber auch stürmischer und nasser als üblich. Eine Rückblende

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Von Annette Kögel

Es ist nicht mehr zu leugnen. Die gefühlte Temperatur tendiert seit gestern gen Null, das Quecksilber fällt, die Wolken ziehen. Der Herbst kommt, und mit seinem Einzug verabschiedet sich ein Sommer, wie man ihn selten erlebt hat in dieser Stadt. Ein Sommer der Superlative, ein Sommer der Extreme. Selten war es so heiß und nass zugleich. „Es ist Sonnenzeit“, singt Herbert Grönemeyer in seinem Lied „Mensch“. Und weil’s so schön war, die Sonnenzeit 2002 nochmal in der Rückblende.

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Das fragen sich viele noch im Mai, als man zum Karneval der Kulturen noch einen warmen Pulli unter wasserdichter Seglerkluft tragen muss. Die Wärme kommt schon am 4. Juni, mit über 28 Grad, doch dann ist es schon wieder kühler, bis Mensch und Messgerät zur Monatsmitte erneut wärmer werden. Gut, dass es genügend Feiermeilen gibt: Motzstraße, Bergmannstraße und so weiter. Auch über Premieren kann man sich in der Stadt freuen, etwa über den Freudentaumel mit Flaggenschwenken zur Fußball-WM. Der erste Sommermonat scheint dem Wetterdienst Meteomedia in seiner Abschlussbilanz wegen des Wechselspiels zwischen Tiefdruck und Hochstimmung „optisch zwar nicht attraktiv“ – aber „dennoch schon 1,1 Grad zu warm“.

Alle Wetter, erst recht im Juli. Die Open-Air-Saison droht ins Wasser zu fallen. „Regentropfen, die an die Leinwand klopfen“, notiert der Tagesspiegel. Die Berliner werden sich lange erinnern an den 10. des Monats, jenen Mittwoch, an dem die Natur den Großstädtern klar machte, dass letztlich sie die Stärkere ist. Nachts wütet der Orkan, reißt uralte Bäume aus der Erde. Sieben Menschen sterben in Berlin und Brandenburg. Die Stadt trauert, sammelt Spenden.

Doch dann kommt er. Langsam, aber gewaltig: der Hochsommer, am 27. Juli. Schwül und feucht ist es oft, manchmal wärmer als im Süden. Barfußwetter. Saunagrade im Dachgeschoss. Caipirinha unterm Sternenhimmel und auf der Love Parade. Zum Technozug kommen rund 800 000, und es geht immer noch heiß her. Der Juli verabschiedet sich ein Grad zu warm, 109 Prozent des durchschnittlichen Regens ergiessen sich.

Aber es sollte schlimmer kommen, mit Platzregentagen wie dem 7. oder dem 28. August. Tage, an denen man sich im Auto fühlt wie auf einer Abenteuer-Offroad-Tour mit tiefen Spritzpfützen. Wenn das Wasser plötzlich bis zur Karosserie steigt und das Fahrzeug bremst und man so schnell so hilflos wird ob stotterndem Motor und Warnblinkanlage auf dem Grünstreifen.

Andere trifft es viel schlimmer, nach dem Dauerregen am 12. und 13. August. Schon in Potsdam fallen 84 Liter pro Quadratmeter. In der Not kommen sich Menschen näher, nicht nur in den Flut-Regionen. Auch hier schippen Nachbarn, die sich zuvor im Treppenhaus noch nicht einmal grüßten, den gefluteten Keller leer.

Zur Monatsmitte mehren sich die Schreckensnachrichten aus Prag, aus Dresden, aus Bitterfeld. Wir Berliner haben Glück. Schnell ist alles Nass verdunstet, versickert. Schwitzen mit schlechtem Gewissen – was das bedeutet, weiß man seitdem. Die Sonne ist schon schwächer, aber strahlt immer noch am Himmel überm Strandbad Wannsee, während das Wasser anderswo Leben einfach wegspült. Doch auch in Berlin fällt dreimal so viel Regen wie üblich, an 25 Tagen gibt es 25 Grad oder mehr, der Monat liegt 3,3 Grad überm Schnitt– der zweitheißeste seit Beginn der Messungen.

Und der September? Wie er begann, wissen alle: ungewöhnlich sonnig und hitzig, und das hintereinanderweg – bis gestern. Also Badelaken ein- und Badewannenöle ausgepackt. Obwohl. Der Sommer kann sich schlecht trennen. Ende September könnte es nochmal über 20 Grad geben. Immer noch und immer wieder „Sonnenzeit“?

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