Berlin : Am Fuß der blauen Berge

Zeitreise durch Berlin (9 und Schluss): Im Winter 1536/37 machte sich Pfalzgraf Ottheinrich nach Krakau auf, um beim polnischen König uralte Schulden einzutreiben. Auf der Rückreise kam er auch durch Berlin, im Tross einen heute unbekannten Künstler. Dessen Skizzen verdanken wir die älteste Darstellung der Stadt

Andreas Conrad

Durchs Oderberger Tor, im Nordosten Berlins, war er vor die Stadt geritten, in der Satteltasche Papier und Zeichengerät. Sein Herr, der Pfalzgraf Ottheinrich, hatte ihm für diesen Tag freigegeben, wollte mit seinem Gastgeber, dem brandenburgischen Kurfürsten Joachim II., irgendeine Staatsangelegenheit besprechen – ein Auftrag des polnischen Königs Sigismund, der ihn in Krakau gebeten hatte, auf der Rückreise doch einen Umweg über die Stadt an der Spree zu machen.

Er möge in aller Ruhe Skizzen von Berlin und Cölln anfertigen, hatte Ottheinrich befohlen. Das war ihm sehr recht, denn auf den anderen Stationen ihrer winterlichen Reise, die am 27. November 1536 in Neuburg an der Donau begonnen hatte, war ihm meist nur kurze Zeit für seine Arbeit vergönnt gewesen. Vor ihm lag Berlin, mit den Pfarrkirchen St. Nikolai, St. Petri und St. Marien, mit der mittelalterlichen Stadtmauer und den Wehrtürmen. Weiter hinten ragte das Schloss empor, in der Ferne blinkte der Fluss. Ein idyllisches Bild, läge nicht links von ihm der Rabenstein, an dessen Balken er einige Gehängte baumeln sah.

Der Zeichner füllte Blatt um Blatt. Daheim solle er mit Feder, Pinsel und Farben eine Sammlung von Ansichten der Reisestationen anfertigen, lautete der Auftrag. Schade, dass es hier in Berlin gar keine richtigen Berge als malerischen Hintergrund gab. Aber er könnte der Natur ja etwas nachhelfen. So genau würde sich Ottheinrich kaum erinnern.

Lange Zeit galten ein Ölgemälde und eine Kupferradierung aus der Mitte des 17. Jahrhunderts als die ältesten bildnerischen Darstellungen, die es von der Doppelstadt Berlin-Cölln gab. Ersteres, ein Johann Ruischer zugeschriebenes Bild, um 1646 entstanden, war in der ersten Folge der Tagesspiegel-Serie „Zeitreise durch Berlin“ abgebildet und als „das älteste gemalte Panorama Berlins“ beschrieben worden – eine von der neueren Forschung überholte Ansicht, wie sich herausstellte. Die auf dieser Seite gezeigte Darstellung Berlins ist noch einmal gut 110 Jahre älter. Sie geht auf Skizzen zurück, die ein unbekannter Künstler aus dem Tross des Pfalzgrafen Ottheinrich bei dessen Berlin-Aufenthalt im Februar 1537 angefertigt und später in dessen Residenz Neuburg als Stadtpanorama ausgeführt hat, als Teil einer Sammlung von 50 Blättern. Diese historisch einzigartige Kollektion – 43 der Blätter zeigen die frühesten bekannten Darstellungen der abgebildeten Orte – stammte aus dem Besitz der Zisterzienserabtei Erbach im Steigerwald und war nach deren Säkularisierung 1803 an die Universitätsbibliothek Würzburg gelangt, in der Reihenfolge offenbar willkürlich zusammengestellt, mit keiner Jahres- oder Quellenangabe versehen. Erst der Hamburger Wissenschaftlerin Angelika Marsch, Spezialistin für alte Stadtansichten, ist es jetzt gemeinsam mit einer Gruppe von Historikern gelungen, die Sammlung der Zeichnungen historisch einzuordnen. Vorgestellt wurden die Forschungsergebnisse in einem kommentierten Faksimileband, der beim Weißenhorner Anton H. Konrad Verlag erschienen ist.

Der Anlass der Rundreise des Pfalzgrafen und späteren Kurfürsten Ottheinrich, nach dem der Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses benannt ist, war sehr prosaisch: Beim polnischen König war eine längst überfällige Mitgift einzutreiben. Für die Hochzeit seiner Tochter Hedwig mit dem Herzog Georg von Bayern-Landshut hatte der polnische König Kasimir IV. einst 32 000 Dukaten zugesagt, aber nie gezahlt. Dieses prunkvolle Ereignis von 1475 wird noch heute alle vier Jahre als „Landshuter Hochzeit“ nachgestellt. Ottheinrich, als leidenschaftlicher Kunstsammler und Bauherr immer knapp bei Kasse, hatte den Schuldschein für die Mitgift geerbt und war im November 1536 selbst aufgebrochen, um die Schuld einzufordern. Eine erfolgreiche Reise: Sigismund wollte zwar keine Zinsen zahlen, aber die Mitgift rückte er raus.

Über die Person des Zeichners gibt es nur Spekulationen. Möglicherweise war es ein gewisser Mathias Gerung, der die so genannte Ottheinrich-Bibel illustriert und auch Kartons für Bildteppiche entworfen hat. Als gesichert gilt, dass er die 50 Zeichnungen zu Hause angefertigt hat, nach Skizzen, die während der Reise entstanden waren. Für die damaligen Reisebedingungen waren die Formate der Darstellungen (29 mal 62 Zentimeter) zu sperrig. Die nachträgliche Ausführung bedeutet bereits eine erhebliche Fehlerquelle, auch war man bei Darstellungen der realen Welt in der Genauigkeit damals noch nicht so pingelig. Im Mittelalter hatte die Kunst weitgehend dem Lobe Gottes gedient, erst Albrecht Dürer stellte auf seiner Venedig-Reise 1494/95 reale Landschaften dar. Der Naturalismus begann sich erst allmählich durchzusetzen, wie die blauen Berge im Hintergrund des Berlin-Bildes von 1537 zeigen. Auch überragen die wichtigen Gebäude der Stadt, also besonders die Kirchen, die anderen Häuser weit stärker, als dies in der Realität der Fall war.

Dennoch ist die erste Darstellung Berlins präziser, als es beim ersten Blick den Anschein hat. Der auf dem Hügel in der Mitte gelegene Bildstock – er enthielt in der Regel Heiligenfiguren – ist möglicherweise ein Hinweis des Künstlers darauf, dass es sich um eine katholische Stadt handelte. Erst ab 1539 galt Brandenburg als lutherisch. Über dem Bildstock ist die Nikolaikirche, rechts daneben die (zerstörte) Petrikirche, noch weiter rechts die Marienkirche zu identifizieren. Die sechs spitzen Turmhelme gehören wahrscheinlich zum Schlosskomplex samt Dom. Das Gebäude vor St. Petri wird als das Cöllner Rathaus, das rechts neben St. Marien als Berliner Rathaus gedeutet. Zu beiden Seiten der Stadt ist die Spree zu erkennen, und auch das schauerliche Detail des Hochgerichts am linken Bildrand ist korrekt. Vor dem Georgentor (zuvor Oderberger Tor, etwa im Verlauf der heutigen Klosterstraße) wurde nur drei Jahre nach Ottheinrichs Berlin-Besuch der Cöllner Kaufmann Hans Kohlhase hingerichtet. Seinem Michael Kohlhaas hatte Kleist den schnellen Tod durch das Henkerbeil gegönnt. Der historische Kohlhase musste länger leiden: Er wurde aufs Rad geflochten.

Die Reisebilder Pfalzgraf Ottheinrichs aus den Jahren 1536/37. Faksimileband mit 50 Ansichten, Kommentarband herausgegeben von Angelika Marsch mit Josef H. Biller und Frank-Dietrich Jacob, 504 Seiten. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn. 280 Euro.

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