Berlin : Am Gauklerstammtisch

Jan Josef Liefers, Stefan Kurt und Klaus Schreiber scherzen ab Freitag an der Staatsoper

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Die Tonreiniger.
Die Tonreiniger.

Rösten die Menschen? Oder was treiben die da drinnen? Ein unendlich gedehnter, offenbar aus einer Menschenkehle stammender Ton dringt ins Foyer. Durchdringende Bratgerüche wabern aus der Werkstatt des Schillertheaters hervor. Zwiebeln, ja. Und noch irgendwas, hm. Das Ohr an der Wand bringt keinen Aufschluss. Obwohl – das ist jetzt ein Vibraphon, jetzt Menschenstimmen, Xylophon, Gerumpel, dann lange Stille. Die Sache bleibt insgesamt rätselhaft. Bis Freitagabend, da hat die erste Inszenierung von Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm an der Bismarckstraße Premiere. „Wissen Sie, wie man Töne reinigt? – Satiesfactionen“ heißt die aus Kompositionen von Erik Satie zusammengestrickte, musikalische Farce.

Endlich geht die Tür auf, der Probedurchlauf ist aus. Weia, stinkt das nach Zwiebeln hier drinnen. Die Bratpfanne steht auf dem Billardtisch, Menschenfleisch ist keins drin, aber Zwiebeln und Zucchini. Jürgen Flimm macht sich demonstrativ mit dem Löffel drüber her. Schauspieler Stefan Kurt ist baff. Anarchie an der Staatsoper! Der Regisseur isst die Requisiten. Auch sonst sieht die von Zuschauerplätzen umringte Spiellandschaft skurril aus, wie ein unaufgeräumter Salon der Jahrhundertwende. Maskenbildnerinnen zerren an den Perücken der vier befrackten Herren, die geschafft aus der gestärkten Wäsche gucken. Das sind Pianist Arno Waschk, der durch seine lange Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief Theatertumulte jeder Art gewohnt ist, und das singende Schauspielertrio Jan Josef Liefers, Stefan Kurt und Klaus Schreiber. Der raucht als einziger nicht, tapert aber ergeben mit nach nebenan, wo sich im Pausenraum der Gauklerstammtisch trifft.

So kommt einem die aufgekratzte Herrenrunde, die sich schon seit Anfang der Neunziger beruflich und privat kennt und inzwischen komplett in Berlin lebt, nämlich vor. Flachsereien, Erinnerungsfetzen, Schauspielersprech fliegen hin und her. Und Jürgen Flimm, der mit den Dreien aus seiner Zeit am Hamburger Thalia Theater verkumpelt ist und sie gerade deswegen extra für seinen albernen Satie-Abend an die Staatsoper geholt hat, sitzt dem Hühnerhaufen vor, antwortet, wenn die Schauspieler gefragt werden, und rückt deren ironisch-krause Sätze gerade. So grau, verschmitzt und weise, mimt Flimm seine sehr eigene Version des Jedi-Meister Yoda aus „Star Wars“, allerdings mit deutlich besserer Grammatik. Warum er als Einstand ausgerechnet Saties 1913 komponierten Klamauk mit Klängen inszeniert, von dem der selbst sagte, es sei nur „ein Scherz“? „Die Dramaturgen haben mich gezwungen, ich musste das tun.“ Und der Anfang März begonnene Weg in den Unsinn – also die Proben – habe höllisch Spaß gemacht.

Das findet auch der Baron mit der Gummiqualle am Revers, also Jan Josef Liefers. Er spielt in Saties Stück „Die Falle des Qualle“, das die Rahmenhandlung des Abends liefert, den depressiven Baron Qualle, der Besuch vom Bräutigam (Klaus Schreiber) seiner Tochter (Stefan Kurt) bekommt und von seinem sozialistischen Diener (wieder Kurt) schurigelt wird.

Was den in Kino, Fernsehen und Musik gefeierten Jan Josef Liefers getrieben hat, ausgerechnet mit dieser Bande sein Comeback als Bühnenschauspieler zu feiern? „Der Hunger“, seufzt Liefers. Die Kumpels johlen. Und dann: „Ich hab’ mich schon lange mal wieder nach richtigen Schauspielproben gesehnt.“ Außerdem kenne und möge man sich. Aha, das ist jetzt ernst. Kann er’s denn noch?, drängt sich da als Frage in die Runde auf. Alle gucken sich an und glucksen, kleine Kunstpause, dann tönt es: „Jaaa, na klar.“

Eine Stunde und 15 Minuten dauert das Reinigen der Töne nach Satie und Flimm. „Schmutzige Angelegenheit“, unkt Liefers und ruft zum Regisseur rüber: „Da macht die ARD zwei Serien draus, aus unserem Material hier – was Jürgen?“ Stefan Kurt, selbst Klangkünstler und heute freundlicher Schweiger, guckt skeptisch. Warum? „Der ist Schweizer, der guckt immer so“, antwortet Flimm für ihn. Und wer spielt eigentlich den Affen, der im Stück vorkommt? „Affe sind wir alle“, brüllen sie. Ach was. Da wär’ man ja nie drauf gekommen.

„Wissen Sie, wie man Töne reinigt? – Satiesfactionen“ läuft ab Freitag in der Staatsoper im Schillertheater. Karten erhältlich ab 23,40 Euro unter der Tagesspiegel-Ticket-Telefonnummer 29 021 - 521 (montags bis freitags 7.30 bis 20 Uhr).

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