Berlin : Am Kran schwebte der Tänzer ein

LOTHAR HEINKE

BERLIN .Richtfest im Schatten des 103 Meter hohen, halbrunden und bis über die Hälfte verglasten Büroturms am Potsdamer Platz: Vier Wochen vor der Eröffnung des Daimler-Areals auf der südlichen Seite der Potsdamer Straße feierten zwischen den Rohbauten am künftigen Forum vom Sony Center tausend Gäste die traditionelle Zeremonie.Knapp zwei Jahre nach der Grundsteinlegung ist das aus sieben Gebäuden bestehende, 1,5 Milliarden Mark teure Ensemble mit den Resten des alten Hotels "Esplanade" ein Teil der neuen innerstädtischen City.In wiederum zwei Jahren soll das gesamte Sony Center mit Büros, Wohnungen, Geschäften, Restaurants, acht Kinos, einem Filmhaus mit der Deutschen Kinemathek und der Marlene-Dietrich-Sammlung fertig sein.

Norio Ohga, der Chairman der Sony Corporation aus Tokio, bezeichnete in seiner Rede den Potsdamer Platz als Symbol für das Zusammenwachsen einer einstmals geteilten Stadt, eines geteilten Landes und eines geteilten Kontinents."Er ist heute die größte innerstädtische Baustelle Europas.Deshalb richtet die ganze Welt den Blick auf diesen faszinierenden Platz".Noch vor Ende nächsten Jahres wird der Elektronikkonzern mit seiner Europa-Zentrale in das Bürogebäude am Kemperplatz ziehen, denn "für die Ausweitung unserer Geschäftstätigkeit in Europa, insbesondere im Hinblick auf die Wachstumsmärkte im Osten, wird Berlin die Drehscheibe unserer Konzernakivitäten sein", sagte Norio Ohga.Für ihn ist Berlin ein "wichtiges Bindeglied im Mittelpunkt eines neuen Europas mit den Grenzen vom Atlantischen Ozean bis an den Ural, vom Nordkap bis an den Bosporus".

Eberhard Diepgen ist von den Dimensionen des neuen städtischen Ensembles beeindruckt: "Hier entsteht eine neue Innenstadt, um den Ost- und Westteil miteinander zu verbinden", sagte der Regierende Bürgermeister.Der Potsdamer Platz werde über seine Geschichte hinauswachsen, seinen Mythos fortführen, er wird nicht nur an die vergangene Größe erinnern und ein Monument für die friedliche Wiedervereinigung sein, sondern auch als Beispiel dienen, wie Stadtplanung gelingen kann.

Über solch Lob freut sich Architekt Helmut Jahn, der im September 1991 die erste Skizze für das Sony Center gezeichnet hatte, die "damals schon Form und Vision des Forums als einen Typ des Stadtraums an der Schwelle zum 21.Jahrhundert" gezeigt habe.Nun ist die Vision zu Stein geworden."Alle, die an diesem Projekt arbeiten, sind ein großes Team, das Bauherren, Designer, Unternehmer und Behörden einschließt".Jerry Speyer, der Präsident der New Yorker Tishman Speyer Properties, beschrieb in seiner Ansprache den Reiz der zentralen Lage: "In direkter Beziehung zum Kulturforum und den Regierungsbauten um den Reichstag wird das Sony Center ein Symbol für das kosmopolitische Berlin sein".Hier könne man "wie sonst nirgend in der Welt die Umgestaltung eines Stadttorsos zu einer der führenden Metropolen in Europa" miterleben.Auch der Berliner Sony-Geschäftsführer Edgar van Ommen bedankte sich bei den derzeit über 700 Bauarbeitern und auch bei den Berlinern für ihr Interesse und Verständnis.

Vor zwei Jahren hatten Trommler die Grundsteinlegung begleitet, nun gaben 16 Tänzer der Komischen Oper mit ihren Bildern nach der elektronischen Musik von Tangerine Dream dem Richtfest eine besondere Note.Zu Beginn ihrer Darbietungen schwebte Solotänzer Gregor Seyffert mit einer Fackel, am Kran hängend, aus 40 Metern Höhe ins Forum zur Festversammlung - zu den prominentesten Gästen zählten die Mitglieder des Sony-Aufsichtsrates, die sich zum ersten Mal zu einer Sitzung in Berlin treffen.Bald wird die spektakuläre Dachkonstruktion auf das Forum gesetzt, im Februar 2000 öffnen die Kinos, im Frühsommer 2000 ist das gesamte Areal fertig.

Im Zentrum ein Treffpunkt

Aus Beton und Glas wächst ein neues Viertel heran

BERLIN.Der große Potsdamer Platz hat mehrere kleine Plätze.Drüben, bei Daimler, den Marlene-Dietrich-Platz, hier, bei Sony, am Ort des Richtfestes gestern, das Forum.Dies ist ein fast runder Stadtraum, der von fünf Gebäuden umschlossen wird und so groß ist, daß die Kuppel des Reichstages hineinpassen würde.Gestern hat er sich zum ersten Mal geöffnet: An die 1000 Gäste saßen auf Traversen vor einer Bühne und genossen die Zeremonie eines solchen Richtfestes, das an dieser Stelle einstiger Ödnis, Todesnähe und Zerrissenheit eine ganz besondere Bedeutung hat: Eberhard Diepgen erwartet von diesem neuen Ort der Stadt "Kommunikation und Lebendigkeit", während er gleichzeitig die Schließung der Lücke zur Friedrichstraße anmahnt und hofft, daß "die blutende Wunde Schloßplatz" bald geschlossen wird.An der einstigen Nahtstelle zwischen Ost und West entsteht in der Tat das gänzlich Neue, und hier bescheinigt der Projektentwickler Jerry I.Speyer schon mal dem Architekten Helmut Jahn: "Ihr visionärer Entwurf wird das Stadtbild noch lange nach unserer Zeit bereichern.Er hat alle Chancen, eine architektonische Ikone zu werden, wie etwa das Chrysler-Building in New York oder der Messeturm in Frankfurt.Dieser Ort, überragt von der unerreichten Eleganz des Büroturms, setzt Maßstäbe".

Das mußte natürlich gefeiert werden, und zwar mit den eigentlichen Hauptpersonen, den Bauleuten, die es sehr wohl für etwas Besonderes halten, an dieser Stelle zu arbeiten, wenn es sein muß bis tief in die Nacht.Gestern wurde ausgiebig gespeist, es gab Deftiges, aber auch edle Torten, das Bier floß in Strömen, und die Berliner Prominenz war zahlreich versammelt.Man klatschte begeistert Beifall, als die riesige Richtkrone aus geflochtener Tanne ihre Bänder flattern ließ und unter den getragenen Klängen elektronischer Tangerine-Dream-Musik vom Kran hochgehoben wurde und gen Himmel verschwand.

"Herzlichen Glückwunsch, es gefällt mir großartig!" sagte der Chef von Daimler-Debis gegenüber, als ihm Architekt Helmut Jahn (wie immer mit Hut) im Gewühl begegnet.Und wie gefällt dem Sony-Architekt das Daimler-Projekt? "Die Gebäude drücken mehr Variationen aus, bei uns hängt alles mehr miteinander zusammen.Aber diese Unterschiede sind schön, das ist eine wachsende Stadt, und was dem einen gefällt, gefällt dem anderen nicht.So ist das eben".Lo.

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