Berlin : Am liebsten eine Beerdigung auf dem Fußballplatz

Eine Schau übers Sterben für Kinder Ein Besuch zum Totensonntag

Annette Kögel

Von Annette Kögel

Wenn Matti sterben würde, dann wüsste er, wo er sich beerdigen ließe. „Auf dem Fußballplatz: mein Ein und Alles.“ Matti ist vierzehn und mit seiner Konfirmandengruppe aus Buckow in die Ausstellung „Erzähl’ mir was vom Tod“ ins FEZ in der Wuhlheide gekommen. Dass in dem Raum mit Sarg, Totenhemden und den Urnen auch eine in Fußballform steht, findet Matti „cool“. Kinder und Jugendliche sind dem Tod doch noch so fern – und trotzdem richtet sich die interaktive Schau von Claudia Lorenz und Klemenz Kühn an junge Besucher ab acht.

„Für mich war das eine Herausforderung, etwas zu diesem Tabuthema zu machen“, sagt die 30-jährige Pädagogin Claudia Lorenz aus Halle. In den Medien werde ständig über Todesfälle berichtet – die Vergänglichkeit aber zugleich im Alltag totgeschwiegen. Doch auch Kinder und Jugendliche beschäftigen sich schon mit dem Tod, etwa von Verwandten oder ihrem Lieblingstier. Wie Vivien und Jennifer, beide 13, aus Buckow: Sie möchten sogar ihre Organe spenden.

Am Anfang der Ausstellung gibt es einen Pass für die Reise ins Jenseits. Elf von Auszubildenden gezimmerte Holzräume, elf Fragen, elf Rätsel, die es zu lösen gilt. Im „Labor der Unsterblichkeit“ zum Beispiel, wo Bilder von Marilyn Monroe, Pablo Picasso – aber auch von Mickey Mouse und dem Sandmännchen hängen. Wer ist für dich unsterblich?, lautet die Frage an die Kinder. Und dann können sie sich gleich einen Unsterblichkeitstrank mixen, mit „drei Tropfen Kamille und drei Tropfen Saft der Roten Beete“. Wie fühlt ihr euch jetzt, wird im Reisepass gar nicht todernst gefragt: „Ich fühle mich unverändert.“ Oder: „Ich fühle mich unsterblich.“ Philipp, 14, aus der Konfirmandengruppe, mischt das Zeug ernsthaft nach Anleitung und ist plötzlich hellwach. „Naja, schmeckt irgendwie eklig.“

Andere finden Computerspiele geschmacklos, aber die Jugendlichen stürzen sich gleich auf die Ballerspiele im nächsten Raum. Am Bildschirm ist man eben schnell unsterblich. Oft geht es beim Spielen um Leben und Tod, das zeigt der Blick in die Vitrinen: Zinnsoldaten, Cowboy und Indianer, Magic-Spielkarten mit Kreuzen. Sogar eine Friedhof-Modellbauserie gibt es mittlerweile: „Gräber, 5 Stück, sortiert“. Im „Reich der Osiris“ dann können die Kinder in Anlehnung an den Totenkult im alten Ägypten Glücksbringer selbst basteln. War der Verstorbene ein guter Mensch, so die Überlieferung, dann wog sein Herz leichter als Federn. „Welche gute Tat hast du heute vollbracht?“, fragen die Ausstellungsmacher sogleich, und ein Kind schrieb aufs Anwortkärtchen: „Hab’ meiner Mama ein Küsschen gegeben“.

Sie macht nachdenklich und rührt an, diese Schau, die Kita- und Schülergruppen angesichts der teils anspruchsvollen Aufgaben besser mit Anleitung (Tel. 53071146/7) besuchen sollten. Wie die stille Fotoreihe „Großvater geht“ von Georg Pöhlein. Alles hat seine Zeit, das verdeutlicht die Riesen-Sanduhr. „Sich mit dem Tod zu beschäftigen, heißt auch, sein Leben mit Sinn zu füllen“, sagt Claudia Lorenz. Auch Muttis und Papas können sich also ruhig einen Reisepass aushändigen lassen. Die von den Franckeschen Stiftungen, Museen und Grieneisen unterstützte Ausstellung entlässt einen ins pralle Leben – mit Eindrücken vom mexikanischen Totenfest: Sie spendieren ihren Toten gelbe Blüten, Kekse, Zigaretten. Wenn in Berlin Kinder sterben, geben ihnen Eltern oft das Lieblingskuscheltier mit – und bei der Beerdigung die Seele mit Luftballons frei.

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