Berlin : Am liebsten wäre ihr eine Frau als Papst

Mit Susanne Kahl-Passoth rückt eine streitbare Feministin und Theologin an die Spitze des Diakonischen Werks

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In Sachen Frauenförderung ist die Kirche bisher nicht als Vorreiterin bekannt. Zwar hat die evangelische Kirche inzwischen drei Landesbischöfinnen zu bieten, aber in den sonstigen Führungspositionen sind Frauen nach wie vor nicht stark vertreten. Darum ist es durchaus etwas Besonderes, wenn Susanne Kahl–Passoth, bisher Geschäftsführerin des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge, jetzt ihr Amt als Direktorin des Diakonischen Werkes antritt. Damit steht zum ersten Mal eine Frau an der Spitze eines der großen Wohlfahrtsverbände. Zu diesem gehören in Berlin und Brandenburg mehr als 360 Mitgliedsorganisationen mit über 35 000 Mitarbeitern. Ihr Vorgänger, der langjährige Leiter Eckhard Steinhaeuser geht in den Ruhestand.

Mit dem Thema Gleichstellung der Frau und Kirche hat sich die 53-jährige Theologin schon immer kritisch auseinander gesetzt. „Und noch immer keine Frau als Papst!“ heißt ein Artikel von ihr aus der Zeitschrift „Das Parlament“. Ihre Positionen stoßen auch heute noch in der Kirche nicht nur auf Zustimmung. Feministische Theologin, als die sich Kahl-Passoth begreift, gilt in weniger fortschrittlichen Kreisen zuweilen fast als Reizwort. Folglich ist dort eine solche Streiterin nicht unumstritten. Als ihre Ernennung zur Diakonie-Direktorin bekannt wurde, meldete der konservative, evangelische Nachrichtendienst „Idea“ prompt: „Künftige Diakoniechefin für eine freie Wahl bei der Abtreibung“. Denn der Paragraf 218 war eines der vielen Felder, auf denen sie ihre Stimme erhob.

Die neue Diakonie-Chefin ficht diese Kritik nicht an; sie wird weiterhin eintreten für die Rechte der Frauen, gegen Gewalt, Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung. Bei Aufrufen gegen Neonazi-Demonstrationen kann man den n Kahl-Passoth ebenso finden wie bei einem Förderverein für ein Projekt gegen Frauenhandel oder wie vor einigen Jahren bei einer Protestaktion gegen höhere Telekom-Tarife, die zu Lasten der sozial Schwachen gehen.

„Mich hat immer der praktische Ansatz interessiert“, sagt Kahl–Passoth, die mit dem Dahlemer Gemeindepfarrer Jörg Passoth verheiratet ist, einem ebenso engagierten Mann, der sich vor allem im Bereich des Kirchenasyls einen Namen gemacht hat. Während sie aber jetzt noch einmal durchstartet, wie sie sagt, wird er in Kürze in den Vorruhestand gehen. Das übliche Karriereschema und die traditionelle Rollenverteilung gelten im Hause Kahl-Passoth eben nicht.

Das Diakonische Werk übernimmt die Kirchen-Managerin, die in den achtziger Jahren zehn Jahre als Pfarrerin in der Steglitzer Markus-Gemeinde tätig war, in schwierigen Zeiten für die Wohlfahrtspflege. Das Geld ist überall knapp, die Haushaltslage in Berlin desaströs, in Brandenburg auch nicht viel besser. Und viele Einrichtungen der Diakonie, Kindertagesstätten, Altenheime, Obdachlosenunterkünfte, sind auf die Zuwendungen der öffentlichen Hand angewiesen. Kürzungen stehen bevor. Keine leichte Aufgabe, das weiß auch Kahl-Passoth. Mit Strukturproblemen wird sie sich beschäftigen müssen und die Frage klären: „Was ist die Aufgabe eines kirchlichen Spitzenverbandes?“

Keine Scheu vor dieser Aufgabe in solchen Zeiten? „Ich werde mich richtig einwühlen“, sagt sie gelassen. Das hat sie schon öfter tun müssen, ob als Jugendpfarrerin im ehemaligen West-Berlin, als Geschäftsführerin der Evangelischen Frauen- und Familienarbeit in Potsdam oder als Chefin des Krankenhaus Elisabeth Herzberge. Die Kirche bot ihr immer neue Herausforderungen. Sigrid Kneist

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