Berlin : Am Morgen gereinigt, am Abend beschmiert

Die BVG ist gegen Sprayer machtlos, wenn die Fahrgäste weiter wegschauen Die S-Bahn ist zu Schönheitsreparaturen vertraglich verpflichtet

Klaus Kurpjuweit

So gut wie jeder Bahnhof der U-Bahn ist beschmiert, fast kein Zug fährt mehr, ohne mit so genannten Tags bekritzelt zu sein, und unzerkratzte Scheiben, die noch einen kompletten Durchblick ermöglichen, sind rar. Wer als Gelegenheitsfahrer oder Tourist in den Untergrund steigt, bekommt einen verheerenden Eindruck von dem größten kommunalen Nahverkehrsunternehmen Deutschlands, das den Einsatz gegen Schmierer und Vandalen aufgegeben zu haben scheint. Dem widerspricht allerdings die BVG vehement.

„Wir laufen den Schmierern hinterher“, klagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Wo eine Station am Morgen gereinigt werde, sei sie am Abend bereits wieder beschmiert. Denn die Sprayer seien nicht mehr nur in der Nacht unterwegs. Auf Hinweise von Fahrgästen auf aktive Schmierer wartet die BVG allerdings in der Regel vergeblich.

„Die Menschen schauen weg“, hatte das Unternehmen bereits bei Übergriffen auf Busfahrer festgestellt. Dabei würde schon ein Anruf bei der Polizei helfen. Selbst aktiv zu werden, kann dagegen gefährlich sein. Im Sommer war ein 55-jähriger Mann auf dem S-Bahnhof Rathaus Steglitz von einem Jugendlichen niedergestochen worden, den er beim Sprayen beobachtet hatte und festhalten wollte.

Heute werde fast nur noch auf die Schnelle geschmiert, so Reetz. „Künstler“ unter den Sprayern hätten dagegen aufgegeben. Fahrzeuge mit ihren „Schöpfungen“ wurden fast immer sofort aus dem Verkehr genommen. Bei den „Tags“ ist dies dagegen nicht möglich.

Großflächige Graffiti gibt es vor allem noch bei der S-Bahn. Die Sprayer wollen, dass ihr „Werk“ öffentlich zu sehen ist. Bei der S-Bahn ist dies einfach, denn bis auf den verhältnismäßig kurzen NordSüd-Tunnel fahren die Züge gut sichtbar an der Oberfläche.

Den Schaden durch Schmierereien und Vandalismus beziffert die BVG auf sieben bis acht Millionen Euro in diesem Jahr. Besonders betroffen ist auch die Straßenbahn.

Tief in die Tasche gegriffen hat auch die S-Bahn. Sie gibt den Vandalismus-Schaden mit vier Millionen Euro an. Die S-Bahn erneuerte in diesem Jahr fast alle zerkratzten Fensterscheiben in den Zügen, was zum Teil auf Unverständnis stieß. Doch die S-Bahner hatten in Kundenbefragungen festgestellt, dass beschmierte und zerkratzte Fahrzeuge bei den Fahrgästen auf Kritik stoßen.

Anders als bei der landeseigenen BVG hat der Senat der S-Bahn aber im Verkehrsvertrag vorgeschrieben, einen bestimmten Wert bei der Kundenzufriedenheit zu erreichen. Deshalb sei der Scheibenwechsel notwendig gewesen, so Marketing-Chef Wilfried Kramer. Würde der Senat bei „seiner“ BVG ähnliche Kriterien festsetzen, müsste das Unternehmen viel Geld aufbringen.

Baulich ist die BVG inzwischen gegen Sprayer gewappnet. Während sie bei der Sanierung von Bahnhöfen vor Jahren noch Fliesen einbauen ließ, in deren Poren die Farbe tief eindringt, setzt sie heute auf Emailleplatten, die sich verhältnismäßig leicht reinigen lassen.

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