Berlin : Am Mythos vorbeifahren

Statt am Bahnhof Zoo halten ab 2006 alle Fernzüge anderswo in der Stadt. Dagegen regt sich Protest

Klaus Kurpjuweit

Der Bahnhof Zoo ist mehr als ein Bahnhof. Er ist ein Mythos. Doch nicht die Züge haben ihn dazu gemacht. Es war das Umfeld. Vor allem die Drogenszene machte den Bahnhof bekannt – spätestens mit dem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, in dem die drogenabhängige Christiane F. ihre Erfahrungen mit der Szene schilderte. Das Schmuddelimage hat der Bahnhof inzwischen abgelegt. Doch nun droht neues Ungemach. Geht es nach Bahnchef Hartmut Mehdorn, wird am einstigen „Hauptbahnhof“ von West-Berlin vom nächsten Sommer an kein Fernzug mehr halten.

Mehdorn will den Fernverkehr, wie berichtet, am künftigen Hauptbahnhof-Lehrter Bahnhof konzentrieren, der Ende Mai 2006 eröffnet werden soll. Die vom Tagesspiegel veröffentlichten Pläne haben bereits zu einem Proteststurm geführt. Nicht nur Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) will den Halt der Fernzüge im Bahnhof Zoo behalten. Auch die Tourismusbranche will auf den Stopp nicht verzichten. Zu wichtig sei der Halt im Westen der Stadt.

Noch immer verlassen die meisten Fahrgäste im Fernverkehr die Züge am Zoo; bei der Weiterfahrt zum Ostbahnhof sind sie meist nur noch schwach besetzt. Umgekehrt steigen die meisten im Bahnhof Zoo ein. „Der Großteil der Fahrgäste kommt nach wie vor aus den westlichen Bezirken“, sagt der Vorsitzende des Fahrgastverbandes IGEB, Christfried Tschepe. Auch er setzt sich für den Halt der Fernzüge ein.

Anders als der künftige Hauptbahnhof ist Zoo perfekt ans öffentliche Nahverkehrsnetz angeschlossen. Zahlreiche Buslinien und zwei U-Bahn-Linien führen zum Zoo. Hinzu kommt die S-Bahn. Am Hauptbahnhof wird es dagegen außer der S-Bahn in Ost-West-Richtung und der Stummel-Linie U 55 vom Brandenburger Tor zum Bahnhof keine weitere Schienenverbindung geben. Welche Busse zum Bahnhof fahren werden, lässt die BVG derzeit prüfen.

Die Straßenbahn kommt, wenn überhaupt, mit jahrelanger Verspätung. Den Bau einer Nord-Süd-S-Bahn, die im Konzept für den Hauptbahnhof vorgesehen war, hat der Senat ebenfalls um Jahre verzögert. Ähnlich sieht es bei der U-Bahn aus, bei der der Senat einen Baustopp für die Verbindung der U 5 zum Alexanderplatz erlassen hat.

Es wird stiller werden am Bahnhof Zoo: Mit der Eröffnung des Nord-Süd-Tunnels im nächsten Jahr fahren die meisten Fernzüge durch diese Röhren – und damit am Zoo vorbei. Dafür halten sie dann an der Papestraße. Dieser Bahnhof soll den Süden der Stadt erschließen. Im Norden wird Gesundbrunnen wieder zu einem Fernbahnhof. Am künftigen Hauptbahnhof stoppen alle Züge. Der Bahnhof Zoo, der nur aufgrund der politischen Entwicklung nach dem Krieg zum „Hauptbahnhof“ geworden ist, verliert damit auf jeden Fall seine einstige Bedeutung. Mit Fernzügen oder ohne.

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