Berlin : Am Puls der Opfer

Die CDU findet Gefallen an Bürgerumfragen zu Kriminalitätserfahrungen Sie könnten die Polizeistatistik ergänzen. Die SPD ist skeptisch.

Die Forderung nach einer Erforschung nicht angezeigter Straftaten und des subjektiven Sicherheitsempfindens der Berliner ist überwiegend auf ein positives Echo gestoßen. Politiker von Grünen und CDU nannten die in Sachsen erstellte Studie über die tatsächliche Kriminalität hochinteressant. Ablehnend äußerte sich der innenpolitische Sprecher der SPD, Thomas Kleineidam. Wie berichtet, hatte die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) am Dienstag für Berlin Zahlen der „wirklichen Kriminalität“ vorgelegt – Gewerkschaftschef Bodo Pfalzgraf nannte das Ergebnis „erschreckend“. Die Polizeigewerkschaft beruft sich auf eine Dunkelfeld-Studie aus Sachsen. Demnach liegt die Kriminalität um ein Mehrfaches höher als die knapp 500 000 Taten, die die amtliche Berliner Kriminalstatistik (PKS) nennt. In Sachsen wurde bei vielen Delikten ein Dunkelfeld von 50 bis knapp 100 Prozent ermittelt. Darauf basierend rechnet die Gewerkschaft für Berlin mit jährlich 2,6 Millionen Straftaten – das ist das Fünffache der offiziellen Zahlen. Allerdings sind zum Beispiel fast 870 000 Beleidigungen enthalten. In der Kriminalstatistik sind es nur 17 372. „Dieser Aussagewert scheint äußerst fraglich“, urteilte das Präsidium.

Auch SPD-Experte Kleineidam nannte die Erhebung derartiger Zahlen sinnlos, diese spiegele auch nicht irgendein Sicherheitsempfinden der Bevölkerung wider. Nicht „jede Beleidigung und jede Balgerei auf dem Schulhof“ müsse erfasst werden. Kleineidam kritisierte die Polizeigewerkschaft, weil diese unter Verweis auf diese angeblich riesigen Kriminalitätszahlen mehr Polizeibeamte fordere: „Das ist nicht seriös.“ Tatsächlich hatte Pfalzgraf eine „dringende Aufstockung des Personalbestandes“ verlangt.

CDU-Innenpolitiker Robbin Juhnke nannte die Studie hochinteressant, „damit muss man sich beschäftigen“. Als Oppositionspartei hatte die CDU regelmäßig kritisiert, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik nur angezeigte Fälle erfasse, aber keine Angaben zum Dunkelfeld mache, wie es etwa in den USA oder Großbritannien längst üblich ist. Die Hochschule der Sächsischen Polizei hatte nun in Kooperation mit dem Landeskriminalamt Sachsen erstmals repräsentativ die Bevölkerung über erlebte Kriminalität befragt. Benedikt Lux von den Grünen sagte, dass eine derartige Studie eine gute Ergänzung zur offiziellen Statistik sein könne. Die DPolG hält die Hochschule für Wirtschaft und Recht für kompetent, eine solche Studie für Berlin zu erstellen. Dort lehrt zum Beispiel Professor Claudius Ohder im Fach Kriminologie. Ohder hatte im Auftrag der vom Senat eingerichteten „Landeskommission gegen Gewalt“ eine Studie über Berliner Intensivtäter erstellt.

Auch die BVG beschäftigt sich intensiv mit dem Thema subjektive Sicherheit. Erstmals wurde in diesem Jahr bei der regelmäßigen Fahrgastbefragung danach gefragt. Tagsüber bekam die U-Bahn auf der Skala von 1 bis 5 den Wert von 2,2 – ein „Traumwert“, wie BVG-Sprecherin Petra Reetz sagte. Nachts allerdings lautete das Urteil 3,3 – deutlich schlechter. Richtig bewerten könne man diese Noten aber erst, wenn künftig regelmäßig danach gefragt wird. Die Polizei bestätigte, dass „nur periodische Betrachtungen zum Erkennen von Entwicklungen aussagekräftig“ seien. Die BVG hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die prüfen soll, wie mehr Personal auf den Bahnsteigen eingesetzt werden kann. Da es kein Geld für zusätzliche Wachleute gibt, geht es darum, wie das vorhandene Personal „sichtbar“ gemacht werden kann – also mit Uniform oder Warnweste. Nach Angaben der Sprecherin sind rund um die Uhr etwa 600 BVGer im Netz unterwegs, „man sieht die nur nicht“. Ha

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