Berlin : Am Reichstag regieren die Jecken

Närrisches Treiben (2): Nicht nur Rheinländer feiern Weiberfastnacht. Allerdings hatten sie es leichter: Sie bekamen frei

Juliane Schäuble

Die Schlauen sind früh da und sichern sich rechtzeitig die notwendigen Marken für Kölsch und Bockwurst. Wer weiß, wie groß der Ansturm wird, wenn am Donnerstag um 13.11 Uhr wie angekündigt die Weiberfastnacht beginnt. Der Anfang ist zäh im Jakob-Kaiser-Haus, die Stimmung steigt erst mit dem Alkoholpegel und lauterer Musik. Die meisten Bundestags-Angestellten haben den Nachmittag frei bekommen, um zu „Mer losse de Dom in Kölle“ und anderen Evergreens Karneval zu feiern. Abgeschnittene Krawatten, wie es der Brauch und die Frauen verlangen, sieht man eher wenige, haben doch die meisten Männer an diesem Tag gar keine an. Ganz Raffinierte haben aus Furcht vor den „Wievern“ vorsorglich zwei Krawatten dabei oder tragen sogar eine Fliege. So auch der Organisator Georg Appel, der dafür aber immer mit gutem Beispiel auf der Tanzfläche vorangeht. Rund 1000 Gäste kamen zur Party in der Nähe des Reichstages, darunter erstmals der Bundestagspräsident. Wolfgang Thierse schunkelte fröhlich mit und teilte Küsschen aus.

In der „Ständigen Vertretung“, dem Kneipentreff der „ewigen Bonner“, haben die Feiern pünktlich um 11.11 Uhr begonnen, und die schunkelnden Narren sehen am frühen Nachmittag schon so aus, als hätten sie die Nacht durchgefeiert. Im Hintergrunde läuft zur Unterstützung der Fernseher mit Bildern aus dem „echten“ Rheinland. Miteigentümer und Organisator des Rosenmontags-Umzugs, Harald Grunert, rechnet mit dem Höhepunkt so gegen 16 Uhr und ist mit dem Berliner Karneval sehr zufrieden: „Inzwischen sind immer mindestens die Hälfte der Besucher richtige Berliner, die mitfeiern und ihren Spaß haben.“ Von der anderen Hälfte kämen aber noch die meisten aus Bonn und Umgebung.

Auch im Auswärtigen Amt feiern Exil-Rheinländer und Einheimische Weiberfastnacht. Das Wetter spielt mit und die meisten „Jecken“ planen direkt danach einen Standortwechsel: Abends wird bei der fast ausverkauften Party im Tränenpalast ordentlich weiter geschunkelt. Auch in der sitzungsfreien Woche kann der Tag im Politikbetrieb lange werden.

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