Am Reichstagsgebäude : Holocaust-Denkmal für Sinti und Roma

Siebzig Jahre hat es auf sich warten lassen, aber nun soll es am Mittwoch eingeweiht werden: In unmittelbarer Nähe des Reichstaggebäudes gibt es nun auch ein Denkmal für die Sinti und Roma, die im Holocaust ermordet wurden. Zentralratspräsident Rose verbindet große Hoffnungen damit.

Das Denkmal, das den Sinti und Roma gewidmet ist, die im Holocaust umgebracht wurden.
Das Denkmal, das den Sinti und Roma gewidmet ist, die im Holocaust umgebracht wurden.Foto: dapd

Es ist das dritte Denkmal im Berliner Regierungsviertel, das den Opfern des Holocausts gewidmet ist: Am Mittwoch wird in unmittelbarer Nähe des Reichstags das Denkmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma eingeweiht.

Nach den Juden und den Homosexuellen erhalten damit auch die rund 500.000 getöteten Angehörigen dieser Volksgruppe in der Bundeshauptstadt einen Ort der Erinnerung - knapp 70 Jahre nach Kriegesende.

Die Gedenkstätte wird Beisein von Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani Rose, in einem Festakt der Öffentlichkeit übergeben. Der aus Israel stammende Bildhauer Dani Karavan hat das Denkmal gestaltet. Es besteht aus einem zwölf Meter breiten, runden Wasserbecken, in dessen Mitte sich eine Vertiefung befindet. In der Beckenmitte ist ein nach unten versenkbarer Stein angebracht, auf dem jeden Tag eine frische Blüte liegen soll.

Auf dem Rand des Brunnens ist in Englisch und Deutsch das Gedicht „Auschwitz“ des italienischen Dichters Santino Spinelli eingraviert, der selbst Roma ist. In eindringlichen Worten beschreibt das Gedicht das unsagbare Leid der Holocaust-Opfer. Außerdem sind Tafeln neben dem Denkmal angebracht, die die Chronologie des Völkermords an den Sinti und Roma darstellen.

Zwischen 1933 und 1945 wurden bis zu einer halbe Million Menschen in Deutschland und anderen europäischen Ländern als „Zigeuner“ Opfer der nationalsozialistischen Rassenideologie. Ziel der Nazis war es, alle Kinder, Frauen und Männer zu vernichten, die dieser Minderheit angehörten.

Des Denkmal soll am Mittwoch eingeweiht werden.
Des Denkmal soll am Mittwoch eingeweiht werden.Foto: dapd

Nach dem Krieg tat sich Deutschland zunächst schwer im Umgang mit dem Leid, das den Sinti und Roma angetan wurde. Erst in den 1980er Jahren bekannte sich Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) zur Verantwortung der Bundesrepublik für dieses Verbrechen. Schmidt betonte 1982 das „schwere Unrecht“, das Sinti und Roma zugefügt wurde, und sprach von Völkermord.

Bis das Denkmal Gestalt annahm, dauerte es jedoch noch einmal mehrere Jahrzehnte. Diskussionen um eine gemeinsame Gedenkstätte für aller Opfer des Holocausts verzögerten die Planungen für ein eigenständiges Denkmal der Sinti und Roma. Seit den 1990er Jahren nahmen dieses aber Form an.

Karavan sagte die Gestaltung zu, doch unterschiedliche Auffassungen zu den Inschriften führten dazu, dass seine Umsetzung auf sich warten ließ. Erst 2008 wurde der erste Spatenstich für das 2,8 Millionen Euro teure, vom Bund finanzierte Objekt gesetzt.

Nach Ansicht des Historikers Wolfgang Wippermann von der Freien Universität Berlin kommt das Denkmal 60 Jahre zu spät. Er kritisiert, dass der Holocaust an den Sinti und Roma „lange Zeit geradezu verleugnet“ worden sei.

Seiner Meinung nach liegt die Zahl der Todesopfer auch höher als offiziell angegeben. Die Beteiligung der Länder außerhalb Deutschlands sei größer als bei der Verfolgung der Juden gewesen, „weil die Roma mehr verachtet waren“. Wippermann befürchtet auch, dass das Denkmal keinen Wandel im Verhältnis der Menschen zu Sinti und Roma bewirken werde. Noch immer hätten rund 60 Prozent der Deutschen Vorurteile.

Zentralratspräsident Rose ist da optimistischer. „Die Übergabe des Denkmals ist ein wichtiges Signal für die Gesellschaft, Antiziganismus genauso zu ächten wie Antisemitismus“, sagte Rose. Bisher werde der Holocaust an Sinti und Roma als „ein Anhängsel an die Shoah“ gesehen.

Rose glaubt an die Wirkung des Denkmals in unmittelbarer Nähe des im historischen Reichstag untergebrachten Bundestags. „Jeder Abgeordnete, der in das Hohe Haus geht, läuft an dem Denkmal vorbei“, sagte er. Die deutsche Politik sei verpflichtet, „dort die Stimme zu erheben“, wo „Rassenhass“ gegenüber der Minderheit der Sinti und Roma laut werde. (AFP)

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