Berlin : Am seidenen Faden

Das Puppentheater Berlin steht vor der Schließung – obwohl jedes Jahr 18 000 Besucher kommen

Ralf Schönball

Ihre Ehe stand vor einer Zerreißprobe: Friedrich, ein mächtiger Mann, bewohnte einen wahren Palast im Zentrum Berlins. Doch sie, die stil- und selbstbewusste Dame aus Hannover, wollte partout in die Vorstadt. Und hätte er nicht über die Mittel verfügt, seiner kapriziösen Frau auch diesen Wunsch zu erfüllen, dann wäre ihre Ehe wohl nicht von langer Dauer gewesen. Also errichtete er eine Residenz ganz nach ihrem Geschmack: zurückhaltender, eleganter, weniger barock als der erste Wohnsitz. Und er gab dem Bauwerk ihren Namen: Schloss Charlottenburg.

Diese Szenen einer Ehe zwischen Friedrich III. und Sophie Charlotte sind nicht in nüchternen Geschichtsbüchern nachzulesen. Angereichert mit historischen Fakten und Anekdoten, auf dem Klavier begleitet von einer barock kostümierten Musikerin, werden sie aufgeführt – im Puppentheater Berlin.

Produziert wurde das Stück gemeinsam mit dem Heimatmuseum. Und weil hier auf spielerische Weise auch Baugeschichte vermittelt wird, die man gegenüber dem Theater nach der Vorstellung gleich besichtigen kann, sind die Stücke oft ausverkauft. Das gilt für alle 23 abwechselnd aufgeführten Produktionen am Spandauer Damm 17. Doch obwohl sich jährlich rund 18 000 Kinder und Erwachsene für das Schauspiel begeistern – Gastspiele in den USA, Japan und Südkorea nicht mitgezählt –, findet der Bezirk keine neue Spielstätte für das von Hella und Ulrich Treu privat geführte Traditionstheater. Die Räume am Spandauer Damm waren nur vorübergehend zur Verfügung gestellt worden. Der Mietvertrag läuft im Juli 2007 aus. „Kinder haben keine Lobby“, bilanziert ein Besucher in einem Protestbrief. Dem 1984 gegründeten Haus droht das Aus.

Mit mehreren Tausend Unterschriften haben Lehrer und Eltern bereits gegen die Schließung protestiert: „Bitte nicht an unseren Kindern sparen“, schreibt einer. Er kommt, so wie viele andere, „seit Jahren“ her: Generationen von Schülern haben die bunten Erklärstücke über den Nikolaus, den Ritter Sankt-Martin oder die lustige Tierparade zur Karnevalszeit fasziniert. Aus der ganzen Region reisen Schulklassen nach Charlottenburg: Aus Ahrensfelde und Rathenow, Zehlendorf und Kleinmachnow. Keiner versteht, warum nun der letzte Vorhang fallen soll: „So ein tolles Theater! Warum muss es weg?“ fragt ein Besucher.

Vielleicht, weil für Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen das Puppentheater ein Wirtschaftsunternehmen ist: „Es ist Aufgabe der Gewerbetreibenden, sich selbst um Räume zu kümmern“, sagte sie auf Anfrage. Der Bezirk habe ihnen die früheren Kitaräume am Spandauer Damm nur vorübergehend überlassen. Im Juli wolle man Flächen umbauen, um die „bezirklichen Kultureinrichtungen“ dort unterzubringen. Für kindgerecht aufbereitete Kultur ist dann kein Platz mehr.

Vor den Wahlen waren sich die Verantwortlichen im Rathaus und Bezirkspolitiker aller Parteien im Kulturausschuss noch darüber einig, dass man das erfolgreiche Theater unterstützen müsse. Es gab sogar eine Zusage: Der Theaterraum „Coupé“, direkt im Rathaus gelegen, sollte den Puppen als neue Bühne dienen. Vorübergehend sollte das Puppentheater die Kita am Spandauer Damm nutzen. Doch nach den Wahlen hatte man im Bezirksamt andere Pläne für das „Coupé“.

Dass es in Charlottenburg keinen Platz für den Traditionsbetrieb gibt, glauben die Betreiber nicht, zumal er keine Subventionen erhält und Miete zahlt. „Doch am Markt gibt es keine Räume zu akzeptablen Preisen“, sagt Ulrich Treu. Deshalb habe man den Bezirk um Hilfe gebeten. Der Absolvent der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst lässt im Theater die Puppen tanzen.

Allmählich wird die Zeit knapp. Die Hoffnungen von Eltern, Kindern und Theatermachern ruhen nun auf einem Krisengespräch am 17. Januar im Rathaus – mit Bürgermeisterin Thiemen und dem Baustadtrat.

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