Berlin : Am Tag danach atmet der Kiez auf

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Am Tag danach flattert das Revolutionstransparent hoch über der Oranienstraße noch im Wind. „Keine Befreiung ohne Revolution“ steht in großen Lettern darauf. Es war so ziemlich das Einzige, was gestern noch an den 1. Mai in Kreuzberg erinnerte. Wo am Dienstag noch tausende Besucher des Myfests in Kreuzberg über Scherben, Plastikbecher und Flaschen hinwegstapften, waren die Straßen wieder frei. Ab 2 Uhr früh rückten 65 Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung (BSR) in Kreuzberg aus, um die Straßen im Kiez zu säubern. Um 5.30 Uhr war alles geschafft – 80 Kubikmeter Müll haben die BSR-Leute eingesammelt. „Brandsätze waren kaum darunter, auch lose Pflastersteine gab es nur wenige“, sagt BSR-Sprecher Bernd Müller.

Und so sitzen am frühen Vormittag die Gäste vor den Cafés in der Oranienstraße und rund um den Heinrichplatz in der Sonne. Die Steine und Flaschen, die hier nachts bei vereinzelten Randalen durch die Gegend geflogen sind, scheinen keinen großen Schaden angerichtet zu haben. „Wir hatten Glück, dass wir die Eisenrollläden vor den Fenstern hatten“, sagt eine Mitarbeiterin des kleinen Crêpes-Laden in der Oranienstraße nahe dem Heinrichplatz. „Die Rollläden sind zwar völlig verbeult von den Steinen und Flaschen, die hier nachts flogen, aber immerhin ist der Laden heil geblieben.“ Hermann Rausch, Inhaber der Mariannen-Apotheke in der Mariannenstraße, hingegen hat gar keinen Grund zur Beschwerde. „Die Scheiben sind heil geblieben“, sagt der 56-Jährige, der bereits seit 20 Jahren hier seine Apotheke betreibt. Auch die rund 2000 Euro wertvolle Uhr an der Außenfassade ist unversehrt geblieben. Das war nicht immer so: Drei Mal wurde sie in den vergangenen Jahren durch Steinwürfe zerstört. Seitdem hüllt Rausch sie jedes Jahr zum 1. Mai mit einer Spezialkonstruktion aus Sperrholz und Schaumstoff ein. Diesmal wäre selbst das wahrscheinlich nicht nötig gewesen – aber sicher ist sicher. tabu

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