Am Tag nach dem Überfall in Berlin : Als sei nichts im KaDeWe geschehen

Zehntausende strömen am Tag durchs KaDeWe. Vielen sieht man die Panik an – aber nicht wegen des Überfalls vom Vortag. Wer zwischen Last-Minute-Weihnachtskäufern genau hinschaut, sieht aber mehr Sicherheitsleute als sonst.

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Viele Besucher ließen sich am gestrigen Sonntag im KaDeWe mit einem Weihnachtsmann fotografieren.
Viele Besucher ließen sich am gestrigen Sonntag im KaDeWe mit einem Weihnachtsmann fotografieren. Der trägt Weiß – getreu dem...Foto: Mike Wolff

Am Tag danach ist alles wieder gut. Jedenfalls auf den ersten Blick. Als das KaDeWe am letzten verkaufsoffenen Sonntag vor Weihnachten um 13 Uhr öffnet, strömen die Menschen minutenlang durch den Haupteingang. „Wahnsinn, das hört ja heute überhaupt nicht auf“, murmelt ein Mitarbeiter.

Er hatte am Sonnabend frei, hat also den dreisten Raubüberfall auf die Juweliere im Erdgeschoss und die Evakuierung des Kaufhauses wegen des von den Tätern verwendeten Reizgases nicht miterlebt. 26 Stunden später erinnert wirklich nichts mehr an das Geschehen: In der Weihnachtswelt gleich hinter dem Haupteingang lassen sich Japaner vor der hohen festlich geschmückten Tanne fotografieren, in der Feinkostabteilung wird gekostet und gekauft, was die Geschmacksnerven vibrieren lässt.

Die rot-weißen Bänder vor den von der Polizei zur Spurensicherung gesperrten Bereichen sind verschwunden – bei „Tiffany“ begutachtet ein junger Mann die hellen Diamanten, bei „Christ“ lässt sich Andris Mamis gerade ein Geschenk einpacken. „Eigentlich wollte ich das ja schon gestern um 11 Uhr kaufen“, sagt er, „doch da war gerade der Überfall passiert.“ Er nickt der Verkäuferin zu: „Aber wenn ich bei Christ was kaufen will, lass’ ich mich von niemandem davon abbringen.“

Das gilt offenbar für die meisten Kunden. Fast alle haben sie von dem Überfall am Sonnabend gehört, und fast alle sind der Meinung von Bernd und Melitta Ott, die aus Sachsen-Anhalt zum Shoppen ins KaDeWe gekommen sind: „So etwas kann heutzutage überall geschehen, aber es geschieht wahrscheinlich nicht zweimal hintereinander.“

Wer genau hinschaut, sieht, dass die Sicherheitsleute die Kunden sehr genau beobachten

Und doch: Wer genauer hinschaut, erkennt, dass die Security-Leute an diesem Sonntag besonders aufmerksam die Besucher mustern. Es stehen auch besonders viele am Nebeneingang Ansbacher Straße. Von hier sind die Täter am Sonnabend in das KaDeWe eingedrungen. Verwundern kann das nicht, sind es doch vom Eingang nur wenige Schritte bis zu den Vitrinen der Juweliere, in denen beispielsweise Uhren für 7000 oder 11 000 Euro das Stück liegen.

Wie groß die Beute war, ist immer noch nicht klar, manche sprechen von einem Betrag im sechsstelligen Bereich. Dafür hat die Polizei inzwischen einiges bestätigt, was Zeugen bereits am Vortag berichtet hatten. So sollen die Räuber doch mindestens eine Waffe dabei gehabt, aber keinen Schuss daraus abgefeuert haben. Unter den Angestellten hält sich hartnäckig das Gerücht, wonach ein Sicherheitsmann mit einer Waffe bedroht wurde.

Auf Facebook hatte das KaDeWe bereits am Sonnabend bedauert, dass mehrere Menschen durch das Reizgas leicht verletzt wurden, und dem Sicherheitspersonal sowie allen Kollegen für deren „umsichtiges und professionelles Verhalten“ gedankt. Dass der Überfall keine größeren Auswirkungen auf die Kauflust der Berliner und ihrer Gäste hatte, war übrigens schon am Sonnabend klar. Da hatten ersten Schätzungen zufolge etwa 100 000 Menschen das KaDeWe besucht, nicht weniger als sonst an den Adventswochenenden. „Der Berliner schläft ja bekanntlich gerne etwas länger“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Berliner Einzelhandelsverbandes, Nils Busch-Petersen: „Die meisten wollten eh erst am Samstagnachmittag einkaufen. Und ab 12 Uhr war ja fast alles wieder geöffnet.“ Auch am gestrigen Sonntag sollen es Zigtausende gewesen sein – viele waren offensichtlich eher von der Sorge um die noch benötigten Weihnachtsgeschenke getrieben.

Dass nicht mehr passiert ist, ist großes Glück

Doch sowohl im KaDeWe als auch beim Einzelhandelsverband und bei der Polizei nimmt man die vielen Raubüberfälle in der City-West sehr ernst. Vor allem die Tendenz, diese am helllichten Tag während der Geschäftszeiten zu begehen, bereitet Sicherheitsexperten Kopfzerbrechen. Im Jahr 1988 hatte es zwar im KaDeWe sogar eine Bombenexplosion gegeben, mit der der später gefasste Erpresser Arno Funke alias Dagobert seiner – danach erfüllten – Forderung von 500 000 DM Nachdruck verleihen wollte. Immerhin geschah dies aber bei Nacht.

Dass bei dem Überfall am Sonnabend nicht mehr passierte, sei jedenfalls ein großes Glück, meinen viele. Es hätte durchaus auch zu einer Panik kommen können, sagt Iwan Dimitrowski, der vor dem Haupteingang zum KaDeWe am Tauentzien für Sightseeing-Touren durch Berlin wirbt: „Ich wundere mich schon ein wenig, dass hier alles so weitergeht, als sei gar nichts geschehen.“

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