Berlin : Am Tannhäuser verhoben

In der Staatsoper Unter den Linden versagte die altersschwache Bühnentechnik. Ein Podium stürzte drei Meter ab. Nun werden Szenen geändert

Christian van Lessen

Tannhäuser liebt die Abgänge: Von der Wartburg zieht es ihn, den Liebestrunkenen, zum Venusberg, dann wieder ernüchtert zurück auf die Wartburg, wenig später schuldbewusst zum Papst. Tannhäuser macht sich erneut gen Venusberg auf den Weg. Die Staatsoper Unter den Linden, deren maroder Zustand seit langem bekannt ist, konnte die Abgänge bislang dank der hydraulischen Bühne perfekt darstellen. Sänger versanken dramatisch im Boden. Sie müssen nun zur Seite abtreten, denn jetzt hat die Hydraulik versagt, ein Podium ist drei Meter abgestürzt. Tannhäuser und andere Aufführungen gehen nun verändert, „szenisch angepasst“, über die Bühne.

Die Reparatur dürfte nach Auskunft der Oper rund 30 Millionen Euro kosten. Noch fehlt das Geld. Die Stilllegung der Hydraulik führe zu „großen Einschränkungen“ für den Spielbetrieb, teilt die Oper mit. Der läuft, wie geplant, trotz des technischen Defekts weiter. Bei letzten Proben vor der Aufführung von Richard Wagners Tannhäuser war ein hydraulisches Podium, 15 mal 6 Meter groß, ungesteuert und ungebremst in die Tiefe gesackt. Es hätte dramatisch ausgehen können. Verletzt wurde niemand, auch sonst ging nichts weiter kaputt. Wegen der desolaten Technik hatte es nach Angaben der Oper für den Tannhäuser und andere Aufführungen besondere Sicherheitskontrollen gegeben, mit dem Landesamt für Arbeitsschutz und dem TÜV Berlin-Brandenburg abgesprochen. Die Anlagen seien vor jeder Vorstellung und Probe geprüft, Personal und Komparsen eingewiesen worden. Trotzdem passierte das Malheur. Was die Staatsoper am Dienstag als Hiobsbotschaft verbreitete, geschah bereits am 5. Mai. Dem fachkundigen Publikum, versichert Sprecherin Ursula Nußbaum, habe man das Missgeschick schon am selben Abend mitgeteilt, die Vorstellung sei verändert über die Bühne gegangen. Nun habe man sich entschlossen, den Unfall auch öffentlich kundzutun, als ein „Warnsignal“, das deutlich den Zustand des Hauses vor Augen führe. Wollte man die Mängel an der Hydraulik beheben, müsste das Haus für lange Zeit geschlossen werden. Angesichts der notwendigen Generalsanierung der Staatsoper sei die Sanierung der Hydraulik allein nicht sinnvoll, nur sie bliebe Flickwerk. „Zurzeit sind im Haushalt des Landes weder mittel- noch langfristig Gelder für eine Sanierung vorgesehen.“

Der Sprecher der Senatskulturverwaltung, Torsten Wöhlert, bestätigt, dass sein Haus im Herbst mit der Staatsoper ein Gesamtsanierungskonzept samt Finanzierungsplan vorstellen will.

Kultursenator Thomas Flierl (PDS) hatte dem Theaterausschuss des Abgeordnetenhauses kürzlich eine Summe von 160 Millionen Euro genannt, mit denen die Staatsoper wieder fit gemacht werden könnte. Seit vielen Jahren wird über den baulichen Zustand des berühmten Hauses geklagt, über die desolate Bühnentechnik, über die sanierungsreifen Fundamente. Zur Diskussion steht auch der Bau eines weiteren Ranges und eines Cafés auf der Dachterrasse.

Tannhäuser, der Verzweifelte, wird damit leben müssen. Am Montag steht er wieder auf dem Spielplan. Sein letzter Abgang ist der Tod. Die Staatsoper Unter den Linden aber hat nun selbst an Bühnenleben eingebüßt.

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