Berlin : Am Zirkus geht’s rund

Ein mächtiger Neubaukomplex soll neben dem Berliner Ensemble entstehen – die Nachbarn wehren sich

Matthias Oloew

Mit Widerstand von allen Seiten hatten sie nicht gerechnet, die Hamburger Projektentwickler der Deutschen Immobilien AG. Als sie im Jahr 2000 den historischen Baugrund neben dem Berliner Ensemble kauften, glaubten sie einen guten Fang gemacht zu haben und mit dem Bau schnell beginnen zu können. Doch bis heute ist die Grube nicht ausgehoben, sind die Kräne nicht aufgestellt, obwohl seit September eine gültige Baugenehmigung vorliegt. Es sind die Nachbarn, die gegen das Projekt Sturm laufen.

Da ist zunächst der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann. Ihm gefällt die von der Deutschen Immobilien AG vorgeschlagene Gestaltung des Bertolt-Brecht-Platzes nicht. Vorgesehen ist in einem städtebaulichen Vertrag zwischen Investor und Bezirksamt, eine leicht erhöhte kreisrunde Rasenfläche zu bauen und das Denkmal des Autors zu versetzen. Die Kosten dafür würde der Investor tragen. Versuche der Baustadträtin Dorothee Dubrau (Grüne), zwischen Bauherren und Intendant zu schlichten, schlugen fehl. Beide Seiten hatte sie im April an ihren Tisch im Bauamt geladen und einen Kompromiss erzielt. Doch Peymann zog seine Einwilligung zurück. Jetzt drohen die Projektentwickler, den städtebaulichen Vertrag zu kündigen.

In einem weiteren Streit haben die Bauherren am Dienstag zwar einen ersten juristischen Sieg davongetragen, doch der Kläger will weitermachen. Er ist Eigentümer des Hauses „Am Zirkus 3a“. Er fürchtet, durch die genehmigte Gebäudehöhe von 30 Metern werde seinem Haus das Sonnenlicht genommen. Edmund Strauss heißt der Kläger, Namensgeber der Multistore-Filialkette „Strauss Innovation“. Er fürchtet, dass seine Mieter dann ausziehen. „Das sind doch alles Leute, die es sich leisten können wegzuziehen, wenn der Klotz gebaut wird“, sagt Strauss, der die Nachbarn in den Häusern zwei bis sechs hinter sich weiß. Darunter auch die renommierte Schweizer Literaturagentur Mohrbooks.

Das Verwaltungsgericht befand allerdings, die drei geplanten Blöcke passten sich in das Umfeld ein. Auch die Abstandsflächen zu den benachbarten Häusern seien ausreichend. Strauss gibt sich unnachgiebig: „Ich ziehe das beinhart durch, auch wenn ich zum Europäischen Gerichtshof gehen muss.“ Es mache keinen Sinn, drei große Klötze zu errichten, wo überall Büros leer stünden und die Bevölkerungszahl stagniere. Für die verhandelnde Kammer war auch von Interesse, was an der Stelle früher stand. „Am Zirkus 1“ ist eine historische Adresse. 1867 errichtete Friedrich Hitzig hier die erste Markthalle Berlins. Sie war ein Flop: Schon nach einem halben Jahr wurde sie geschlossen. 1875 baute er die Halle für einen Zirkus mit 5000 Zuschauern um, der Zirkuskönig Renz übernahm den Bau. Die Show „Menschen, Tiere, Sensationen“ hatte hier ihren Ursprung. 1918 machte Hans Poelzig für den Regisseur Max Reinhardt daraus das große Schauspielhaus, das wegen der Gestaltung seines Zuschauerraums auch als „Tropfsteinhöhle“ bekannt war. 1947 zog der Friedrichstadtpalast ein. 1980 war das Haus baufällig, vier Jahre später wurde es abgerissen.

Die Form der Neubauten orientiert sich an den historischen Vorgaben. Drei Blöcke sollen entstehen, zwei Bürohäuser, ein Apartmenthotel mit 120 Zimmern. Die Blöcke sind durch enge Gassen – der Architekt nennt sie „Canyons“ – getrennt, im Erdgeschoss ist Platz für Läden und Cafés. „Für das Apartmenthotel haben wir bereits einen Mieter“, sagt Projektleiter Jan Reppin von der Deutschen Immobilien AG. Wer das ist, sagt er nicht. Zum Jahresende will er endlich das Signal für den Baubeginn geben. Noch 2006 soll der Komplex fertig sein.

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