• „Amani war so ein fröhliches Mädchen“ Bei Nachbarn im Wohnheim sitzt der Schock tief

Berlin : „Amani war so ein fröhliches Mädchen“ Bei Nachbarn im Wohnheim sitzt der Schock tief

Mutter und Kind lebten dort erst seit kurzem

Annette Kögel

„Schrittfahren – Spielende Kinder“ steht auf dem Schild vor dem Gebäudekomplex an der Forckenbeckstraße. In den beiden rotbraunen Backsteinhäusern hinter den Zaunhecken finden Menschen mit schwierigen Lebenssituationen ein Zuhause, und gerade um die Kinder kümmert man sich hier sehr. Umso größer ist das Entsetzen bei den Bewohnern. „Wir sind alle geschockt, Amani war so ein fröhliches Mädchen“, sagt der türkischstämmige Kemalatin Onput (Name geändert), der mit seiner Familie seit sieben Jahren im Wohnheim lebt. Auf dem Tisch liegt eine Zeitung mit dem Bild des Mädchens, das hier alle kannten. Jetzt ist es tot, auf furchtbare Weise ermordet mit einem Messer.

So brutal haben das die Erwachsenen den Kindern nicht erzählt, sie versuchen, sie von den Medienberichten abzuschirmen, soweit das geht. „Amani ist gestorben, habe ich meiner Tochter gesagt und keine Details erzählt“, sagt eine deutsche Mutter. Auf den ersten Blick spielen die Kinder auf der großen Grünfläche vor den Häusern unbeschwert. Doch wenn man sich zu ihnen auf den Rasen setzt, genauer hinhört, spürt man auch hier, dass sie das, was da in dem Park passiert sein, erst einmal verkraften müssen. „Meine Schule ist gleich neben dem Park. Ich habe Angst, dass mir auch so was passiert, ich gehe morgen nicht zur Schule“, sagt die 14-jährige Ebru und dreht sich auf dem Liegestuhl um.

Von außen wirkt das Haus, in dem Amani mit ihrer Mutter seit drei Wochen lebte, wie eine Kaserne. Jedoch gehörte der Backsteinbau einmal zu einer Gasanstalt, so steht es in der Denkmalliste des Bezirks. 40 Menschen leben heute in dem Wohnheim des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf. Neun Familien sind es, deutsche und ausländische, die von Obdachlosigkeit bedroht waren, die von Hartz IV leben. Einige Menschen hier dürfen nicht arbeiten oder eine Lehre beginnen, obwohl sie wollen, weil sie nur eine Duldung besitzen.

Im linken Haus leben Familien, erzählt Hausmeister Lothar Urban, im Gebäude rechts nur Männer. Die Toiletten sind auf dem Gang, die Duschen im Keller und unterm Dach. 1893 hatte noch niemand dran gedacht, dass hier einmal Menschen leben würden. Einge der Familien, die an Holztischen und -bänken in der Sonne sitzen, haben Amani und ihre Mutter am Freitag zum letzten Mal gesehen, wie sie das Grundstück verließen, die Mutter soll ihre Tochter dabei liebevoll an der Schulter berührt und gestützt haben. Vor dem Backsteinbau ist viel Platz für Kinder mit Buddelkiste und Schaukel, die Erwachsenen sitzen bei schönem Wetter wie jetzt auf den Bänken vorm Haus, grillen gemeinsam. Drumherum liegen Sportanlagen, Fabriken und Kleingärten, der Verein Kleinkaliberschützen Berlin hat hier seinen Sitz.

Seit 19 Jahren ist Lothar Urban für das Haus und seine Bewohner da. Anfangs lebten überwiegend arabische Familien dort, erzählt er. Seine Frau Angelika war anfangs „nicht begeistert“, mit in die innen liegende Hausmeisterwohnung zu ziehen. Doch jetzt fühlen sie sich sehr wohl hier, „vor allem die ausländischen Familien sind immer sehr höflich und freundlich“, sagt Angelika Urban.

Mit Amanis Mutter habe man sich aber nicht viel mehr als guten Tag und auf Wiedersehen gesagt, meint Urban. Die Frau habe sich mitunter abseits gesetzt, „wer weiß, was sie zu verkraften hatte“. Manche Menschen wohnen schon seit Jahren in dem Heim. Amani und ihre Mutter sind als Letzte eingezogen. Als Wohnheim habe man das Haus nie kenntlich gemacht, sagt der Hausmeister: aus Angst vor Anschlägen. Im Treppenhaus gibt es den „stummen Portier“, eine Namenstafel wie in Altberliner Häusern. In Wedding, Moabit oder Neukölln hat man schon weitaus ungepflegtere Mietshäuser gesehen. Annette Kögel

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