Ambrosia und Allergie : Die Rückkehr des Teufelskrauts

Die Folgen von Ambrosia sind anstrengend. Einst wurden die Blüten groß bekämpft. Heute ist nur noch ein Bezirk dabei – und die Qual zurück.

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Da ist sie ja wieder, leider. Vom Südosten der Stadt her breitet sich eine mehrjährige Ambrosia-Art aus, die schwerer zu bekämpfen ist. Foto: Henning Onken
Da ist sie ja wieder, leider. Vom Südosten der Stadt her breitet sich eine mehrjährige Ambrosia-Art aus, die schwerer zu bekämpfen...Foto: Henning Onken

Es ist still geworden um Ambrosia in Berlin. Acht Jahre nachdem der Senat ein Aktionsprogramm gegen die Verbreitung des hochallergenen „Teufelskrauts“ ins Leben rief, scheint das Thema vergessen – obwohl sich die Pflanze weiter ausbreitet.

Am Bahndamm vor der Elsenbrücke in Friedrichshain strecken Hunderte der aus Amerika eingeschleppten Pflanzen ihre Blütenstängel in die milde Septembersonne. Gestärkt vom verregneten Sommer sind sie besonders lang geworden und wuchern auf den angrenzenden Fußweg hinüber. Langsam geben sie ihren staubigen Pollen ab, bis zu einer Milliarde Sporen pro Pflanze. Bis in den November hinein blüht Ambrosia und schüttet stärkere Allergene aus als jede andere Pflanze in Deutschland. Empfindliche Menschen reagieren ab fünf der inhalierten Pollenkörner mit Hautausschlag, Heuschnupfen und Asthma. Auch Gesunde können durch Kontakt mit der Pflanze zu Allergikern werden. Die Stelle in Alt-Stralau hatten Bürger gemeldet – vor mehr als einem Monat.

Vor zwei Jahren hatte Mario Czaja (CDU), damals Gesundheitssenator, die Bevölkerung um Mithilfe an einem Ambrosia-Atlas gebeten, in dem online Funde und deren Beseitigung in Berlin dokumentiert werden. Doch im laufenden Jahr kümmert sich niemand mehr um die Daten, die dort über die Webseite und eine Smartphone-App einlaufen. Haben die Berliner Behörden den Kampf gegen Ambrosia aufgegeben? Es klingt fast so. Laut Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz gibt es derzeit keine behördlich organisierte Bekämpfung. Grund sei die fehlende gesetzliche Aufgabe. Es liege in der Hand jedes einzelnen Grundstückeigentümers, Ambrosia zu bekämpfen. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg ließ mehrere Anfragen unbeantwortet.

Thomas Dümmel, Meteorologe an der Freien Universität Berlin (FU), kann der Ausbreitung nur noch zusehen. Er hatte damals gemeinsam mit dem Senat das Aktionsprogramm ausgearbeitet, auch der Atlas geht auf den Wissenschaftler zurück. In kleinen Gruppen liefen Ambrosia-Scouts durch die Bezirke und rissen die Pflanzen heraus. Im Westen der Stadt durchaus erfolgreich. Doch seit 2012 ebbte das öffentliche Interesse ab. Ein Bezirksamt nach dem anderen strich Gelder für private Träger, die Langzeitarbeitslose schulten und mit ihnen durch die Kieze zogen. In diesem Jahr ist laut Dümmel nur noch Tempelhof-Schöneberg dabei. Die ausführende Firma dort hat noch nicht einen einzigen Fund an den Atlas übermittelt – was kaum daran liegen dürfte, dass die Pflanze zurückgedrängt ist. Im Gegenteil.

Adlershof gehört der Ambrosia

Zum nachlassenden Interesse der Behörden kommt noch ein Problem: Vom Südosten der Stadt her breitet sich eine mehrjährige Ambrosia-Art aus, die schwerer zu bekämpfen ist. „Adlershof ist der Berliner Hotspot“, sagt Dümmel. „Die Stauden schießen praktisch aus allen Ecken, an denen gebaut wird.“ Sie wachsen aus der Erde, die auf Baustellen zu großen Teilen mit Ambrosia-Samen verseucht ist, keiner weiß warum. In Lastern wird sie quer durch die Stadt gebracht, wandert von einer Baugrube zur nächsten. Pflanzen der mehrjährigen Ambrosia wuchern schnell Flächen mit 10 000 Pflanzen zu. Auch am Friedrichshainer Bahndamm wächst diese Art, weitere Funde liegen in der Nähe.

Thomas Dümmel will wenigstens erreichen, dass die Bauvorgaben geändert werden. Erdtransporte sollten dokumentiert, verseuchte Erdhügel erkannt und mit einer dicken Schicht reiner Erde überdeckt werden.

Es könnte wohl viel Geld gespart werden, wenn Ambrosia konsequent bekämpft würde. Jeder Euro, der jetzt zur Bekämpfung eingesetzt wird, könnte zehn Euro an zukünftigen Behandlungskosten im Gesundheitssystem sparen. In diese Richtung schlussfolgert eine Studie der Uni München.

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