Berlin : Amerikaner in Berlin: Die Prediger aus der alten neuen Welt

Sebastian Schneller

Amerikaner in Berlin predigen oder spielen Hammond-Orgel. In ihrer Freizeit gehen sie Day-Jobs nach, Brotarbeit um die Miete zu bezahlen. Das gilt natürlich nicht für die, die nach Berlin kommen, um Häuser zu bauen oder Coca-Cola zu verkaufen, sondern für die kleine Gruppe unter den etwa 10 000 Amerikanern in Berlin, die die Stadt zur Bühne für ihre Kunst gewählt haben.

Der Kalifornier Theodor di Rico zum Beispiel, unter den "Expatriots" - den Außerheimischen - zählt er zu den Berlin-Veteranen. In seiner Biographie spiegeln sich die letzten 15 Jahre Stadtgeschichte: Im Zug von Paris nach Berlin lernte Theo seine erste Berlin-Liebe kennen. Ein paar Wochen später bezog er seine erste Wohnung in der geteilten Stadt: Eine Wilmersdorfer WG mit Abiturienten aus dem "Grauen Kloster".

Gleich nach der Wende zog er in den Osten, nach Prenzlauer Berg, wo sein Wohn-Atelier sich langsam in eine Höhle verwandelte. Das ist sie nach wie vor: Überall hängen und stehen ausrangierte Haushaltsutensilien herum, verrostete Firmenschilder aus VEB-Zeiten, ein ausrangierter Fernseher. Getreu seinem Grundsatz, dass der Müll des einen, der Schatz des anderen ist, sammelt Theo schlichtweg alles. Später finden sich die Stücke in seinen Collagen und Assemblagen wieder oder als Ausstellungsobjekte, unter einer einheitlichen gelben Farbschicht zu Kunstwerken mutiert.

In der Zeit vor und nach seinem Job als Barkeeper in einer Schöneberger Bar malt Di Rico nicht nur in Gelb, sondern hat das Gelbe zum Lebensprinzip erhoben: Er trägt nur Gelb, und in seinen Performances tritt er als "Bruder Sonnenschein" auf und predigt gegen alles, was nicht dem friedlichen und sinnenfrohen Prinzip Gelb entspricht, gegen Gewalt und Unterdrückung und was Di Rico sonst noch stört im grauen Berlin. Ein Baptisten-Missionar könnte das nicht besser.

Die Performance im Prediger-Stil beherrscht auch Gabriel Walsh. Vor knappen zwei Jahren ist der Schauspieler von New York nach Berlin gezogen. Auch er arbeitet nebenher als Barkeeper, aber vielleicht kann er das bald aufgeben. Neulich hat er in einem Werbespot für eine Energie-Firma einen hysterischen Verkäufer gespielt. Der Anfang für die Film-Karriere, hofft er.

Keine Chance in New York

In seinem Künstlerleben hat Gabriel mit dem neuen schicken Konsum-Berlin nichts am Hut. Vor ein paar Tagen hat er mit Freunden einen kommerzfreien Performance-Raum in Friedrichshain mit einer Pool-Party eröffnet. Er hofft, dass die Miete so niedrig bleibt, wie sie derzeit ist. "In New York kann sich so was keiner leisten", sagt Gabriel.

"Freie Räume haben kaum eine Chance in New York", sagt auch Gordon W. Der Kanadier hat in seinem Vorleben schon alle möglichen Day-Jobs hinter sich gebracht: Moderne Kunst als Massenware hat er verkauft und esotherische Handschmeichler, aber,mittlerweile kann er von seiner Kunst leben, in der sich Predigen und Musikmachen die Wage halten. Er selbst beschreibt das, was er macht als "artistic performance involving food" - zu deutsch: Kochkunst.

Wenn er predigt, zieht er über die miserable Qualität Berliner Restaurants her und die selbstgefällige Konsumgesellschaft in Nord-Amerika. Wenn er Musik macht spielt er indische Trommeln in der "Fuzzy Love Band". Dahinter steckt eines der erfolgreichsten Projekte deutsch-amerikanischer Künstlersymbiose und ein ganzes Kunst-Universum, das unter dem Titel "Schmalzwald" mittlerweile zum Berlin-Markenzeichen geworden ist: Neben Gordon, dem Kochkünstler gehören der Musiker Gordon Menahan und die "Profi-Bastlerin" Laura Kikauka dazu. Gemeinsam haben sie sich in Berliner Garagen und Hinterhöfen ihre Welt in rosarot erschaffen: Lauras Bar-Höhlen aus Staniol-Papier und röhrenden Hirschen im Goldrahmen an wechselnden Orten gehören zu den Mythen Berliner Partygeschichte. Gordon W. kocht darin live auf dem chinesischen Wok und Gordon Menahan liefert auf seiner Hammond-Orgel den passenden Meta-Kitsch-Sound.

Der Musiker kam vor acht Jahren als DAAD-Stipendiat nach Berlin, als Experte für experimentelle Musik. Davon lässt er sich natürlich bei "Fuzzy Love" nichts anmerken, wenn er einen Evergreen nach dem anderen auf seiner Hammond-Orgel herunternudelt. "Heidenschmalzmusik" nennt Gordon W. das: Ihre Form von Protest gegen das Geschmacksdiktat von MTV und Mc Donald.

Der Protest-Schmalz als Anti-Kunst hat Erfolg: Zur Zeit ist die Party-Installation im Hannoveraner Sprengel-Museum zu sehen, und auf dem Hongkong-Berlin Festival in der ehemaligen Kronkolonie soll das Schmalzwald-Kollektiv gute Laune made in Berlin verbreiten. Ihre Day-Jobs konnten die Schmalzwälder inzwischen an den Nagel hängen.

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