Berlin : Amerikaner in Berlin: Er weiß, unter den Toten sind Freunde

Christine-Felice Röhrs

Am Dienstag: die Katastrophe. Am Donnerstag: immer noch Fassungslosigkeit. Und Ungewissheit. Besonders schlimm trifft die jene Amerikaner, die fernab der Heimat von den Geschehnissen erfuhren und seitdem verzweifelt und vergeblich versuchen, nach Hause zu kommen. Auch von Berlin aus. Hier sitzt zurzeit David Marwell fest, Direktor des New Yorker "Museum of Jewish Heritage".

Marwell wohnt im Hotel Hamburg in Schöneberg. Seit zwei Tagen hat er es kaum verlassen, hat viel zu wenig geschlafen, man sieht es. Die Gesichtshaut ist aschfahl, der Ausdruck irgendwie leblos. Der Mann lebt jetzt nach innen, dort, wo die Bilder aufblitzen von Freunden, Kollegen. Wer war in Manhattan? "Ich weiß, dass es Tote unter meinen Freunden gibt. Ich weiß nur noch nicht, wer es ist", sagt Marwell. Er sagt es nicht traurig, nicht wütend. Er sagt es tonlos.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Marwell trägt doppelt Sorge. Zum einen liegt sein Museum in unmittelbarer Nähe des World Trade Centers. 75 Mitarbeiter hat er dort. Wo waren die am Dienstag, kurz vor Neun? Hoffentlich nicht in der U-Bahn-Station unter den Twin Towers. Zum anderen lebt seine Frau mit den Söhnen Nathan und Gabriel in Washington, wo eines der Flugzeuge ins Pentagon stürzte.

Angst, dass die Frau oder die Söhne verletzt sein könnten, hatte Marwell nicht. Denn das Haus in University Park ist weit entfernt vom Schauplatz. Aber kaum zu ertragen ist, dass er nicht bei den Söhnen sein kann. Nathan hat ihm gerade eine E-Mail geschickt ... Marwell holt tief Atem. Er war ungefähr in Nathans Alter, als Kennedy ermordet wurde und kann sich noch daran erinnern, dass sich selbst das Allervertrauteste so angsteinflößend anders anfühlte. "Ich will meine Söhne umarmen und ihnen sagen, dass alles wieder gut wird. Auch wenn das gelogen ist."

Am Dienstag war David Marwell im Leipziger Gewandhaus, auf Besichtigungstour mit amerikanischen Kollegen und Journalisten, als die Betreuerin der Gruppe ihn und zwei weitere New Yorker beiseitenahm. Erste Reaktion: "Das ist völlig unmöglich." Dann: "Das sind Zehntausende Tote." An Übelkeit, zitternde Knie kann sich Marwell nicht erinnern. Nur noch an rasende Aktionen. Schnell, ein Internetcafé. Der israelische Kollege kommt als erstes an eine Site heran und übersetzt. Ganz schlimm ist, als Marwell auf den ersten Bildern, und auf jedem einzelnen seitdem, das Haus entdeckt, in dem sich sein Büro befindet. Die Terroristen sind mit der Maschine voller Unschuldiger direkt darüber hinweg geflogen ... Auch ihm ist Allervertrautestes von nun an fremd.

Das Internet bleibt wichtigste Informationsquelle. Seit der Rückkehr nach Berlin sitzt David Marwell Stunde um Stunde am Computer. Seine Frau schickt ihm Dutzende Kopien von E-Mails von Freunden, die nicht wussten, dass er in Deutschland ist: "Lebt David?" Die Sorge ist tröstlich. Amerika rückt zusammen. Nebenbei versucht er übers Telefon herauszufinden, ob die Kollegen o.k. sind. Sie sind. God bless technology.

Was jetzt in ihm vorgeht? "Das kann ich nicht sagen", meint er hilflos. Ist es Schreck, Angst, Wut? "Vielleicht eine Mischung?", rät Marwell. Sein Denken und Fühlen ist so konzentriert auf New York, dass alles, was in ihm selbst vorgeht, nur Betäubung sein kann. Aber so ganz allmählich beginnt er darüber nachzudenken, wo er selbst wohl am Dienstag gewesen wäre. Im World Trade Center - vom Büro zu Fuß nur fünf Minuten entfernt - ist, nein, war, sein Lieblingsbuchladen. Und auch der Drogeriemarkt. Davor hat er sich immer Gemüse gekauft. Das Kleidergeschäft, wo er manchmal hineingeschaut hat, ist nun eine Leichenhalle.

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